Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ein moderner Orpheus

Staunendes Bekenntnis zum Hier und Jezt: Vor 125 Jahren wurde Ossip Mandelstam geboren

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

Ossip Mandelstam (1891-1938) war »ein moderner Orpheus: er wurde zur Hölle geschickt und kehrte nicht zurück ...«, schrieb der Nobelpreisträger Joseph Brodsky 1977 in dem Essay »Kind der Zivilisation«. Seine Worte charakterisieren mit feiner Ironie den Mythos von einem der größten russischen Dichter des 20. Jahrhunderts, dem es zwar gelungen sei, mit seiner Stimme Menschen, Tiere, Pflanzen und Steine zu erreichen, der aber trotzdem in der Hölle des Lagers habe sterben müssen. Nach dem Anti-Stalin-Gedicht vom Herbst 1934, das den »Verderber der Seelen«, »Bauernabschlächter« und »Breitbrust-Osseten« anprangerte, begann Mandelstams Leidensweg, der nach Verhaftungen und Verbannungen am 27. Dezember 1938 mit dem Hungertod im Lager Wtoraja Retschka endete.

Brodsky hat wenige Jahre nach dem Erscheinen seines Essays dazu aufgefordert, den Mythos abzuschwächen und Mandelstams künstlerische Leistung nicht allein als Folge des Martyriums zu betrachten. In seinem Nachruf auf Nadeschda Mandelstam formulierte er 1981: »Ossip Mandelstam war ein großer Lyriker noch vor der Revolution.« Das wird durch den jetzt von dem Schweizer Schriftsteller und Übersetzer Ralph Dutli herausgegebenen Band »Mandelstam, Heidelberg« eindrucksvoll bestätigt. Der Schweizer Schriftsteller und Übersetzer Ralph Dutli hat Mandelstams Œuvre zwischen 1985 und 2000 beim Züricher Ammann Verlag in zehn Bänden publiziert.

Dem am 15. Januar 1891 in Warschau geborenen Sohn jüdischer Eltern, der bereits als Sechzehnjähriger die literarisch-philosophischen Debatten im »Turm« des Symbolisten Wjatscheslaw Iwanow besuchte und mit ersten Gedichten bei ihm Anerkennung fand, versperrte die Dreiprozentquote für Juden den Weg an die Petersburger Universität. Nachdem er schon 1907/08 während eines Aufenthaltes in Paris Interesse für die französische Literatur und die Philosophie Henri Bergsons gezeigt hatte, setzte Mandelstam sein Studium von Oktober 1909 bis März 1910 in Heidelberg fort, das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als »Mekka« wissensdurstiger junger Russen galt. Hier belegte er Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur des Mittelalters, Philosophie und Kunstgeschichte. Die Faszination für den Vagantendichter François Villon, den Wegbereiter der europäischen Moderne Charles Baudelaire und den Symbolisten Paul Verlaine mit seiner Orientierung auf die Musikalität des Verses lieferte Mandelstam den Impuls für Gedichte und Essays, die These vom »inneren Hellenismus« der russischen Literatur und die Überzeugung, dass der 1912 ins Leben gerufene Akmeismus »Sehnsucht nach der Weltkultur« sei.

Bisher nahm man an, Mandelstam hätte während des Wintersemesters in Heidelberg 15 Gedichte geschrieben. Dutli geht davon aus, dass kurz vor oder unmittelbar nach dem Aufenthalt in der Stadt am Neckar vierzig Gedichte entstanden, die dem »Heidelberger Zyklus« zugeordnet werden können. Sie enthielten bereits viele Motive, die für Mandelstams Werk bedeutsam werden sollten, hinterfragte der junge Dichter doch seine Beziehung zum Leben, zur Welt, zur Natur und zur Liebe. Dabei lehnte er sich stark an Verlaines »Lieder ohne Worte« von 1873 an und suchte dessen programmatischer Forderung »Musik, Musik vor allen Dingen!«(»Dichtkunst«, 1874) nachzukommen.

Ein markantes Beispiel dafür ist das Gedicht: »Nichts, worüber sich zu sprechen lohnt,/Nichts zu lehren gibt es unterm Mond ...« Der Autor verweigert die »Lehre«, das symbolistische Streben nach der Erkenntnis des Jenseitigen und Verborgenen, betrachtet die Seele als »dunkel« und »sprachlos-stumm«. Er will »staunen«, verlangt vom Wort in der Poesie, dass es eine »ungeheuer verdichtete Realität« ausdrückt, wie er 1913 in seinem Essay »Der Morgen des Akmeismus« formuliert. Das Gedicht »Nur sprecht mir nicht von Ewigkeit - Kein Raum für sie, sie ist nicht heilig« unterstreicht das Bekenntnis der Akmeisten zum Hier und Jetzt. Auf die angestrebte Synthese russischer und französischer Dichtermodelle verweisen die Zeilen »Im ungezwungenen Austausch schöpferisch und frei/ Die Strenge Tjutschews und auch Verlaines Kinderei,/ So sagt mir doch, wer könnte kunstvoll sie verweben/ Und dieser Mischung seine eigene Prägung geben?«

Der Band »Mandelstam, Heidelberg« enthält erstmals sämtliche in Heidelberg und im Umkreis des Deutschlandaufenthaltes von 1909/10 entstandenen Gedichte im russischen Original und in deutscher Übertragung. Beigegeben sind sieben Briefe Mandelstams von 1909, in denen er die symbolistischen Dichter Wjatscheslaw Iwanow und Maximilian Woloschin bittet, seine »lyrischen Versuche« zu lesen. Im letzten Brief bezeichnet er das Gedicht »Auf dunklen Himmel hingestickt« als »Lied ohne Worte« und betont, er habe versucht, »das Intim-Lyrische, Persönliche« zurückzuhalten, mit dem »Zügel des Rhythmus« zu bändigen. Im Anschluss an die Texte Mandelstams interpretiert Dutli in einem geistreichen Essay deutsche Echos im Werk des Autors, darunter Gedichte, die Bach, Beethoven, Schubert, Kant und Goethe, die Lorelei, die deutsche Sprache und den rätselhaften »Gott Nachtigall« würdigen.

Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg. Gedichte und Briefe 1909-1910. Russisch-Deutsch. Mit einem Essay über deutsche Echos in Ossip Mandelstams Werk: »Ich war das Buch, das euch im Traum erscheint.« Wallstein-Verlag. 192 S., geb., 19,90 €. Ralph Dutli (Hg.): Bahnhofskonzert. Das Ossip-Mandelstam-Lesebuch. S. Fischer Verlag. 400 S., br., 12,99 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln