Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Migration und Mobilität - auf »Marsrovern«

Das Ensemble Kombinat führt mit »Mein Touristenführer« in eine besondere Tanzzukunft

Der neue Tanz verbindet menschliche Körper und Maschinen. Wie das aussehen könnte, zeigt derzeit die Potsdamer Truppe Kombinat mit ihrem neuen Stück »Mein Touristenführer«. Das maschinelle Element ist in diesem Falle nicht das in adoleszenten Kulturen hoch angesehene Skateboard, mit dem die Youngster beeindruckende Flugshows zu meist hämmernden Beats vollführen, sondern der Elektro-Scooter, auch »Marsrover« genannt, und in seiner profanen Form vor allem als Roller bekannt, mit dem ganze Touristenscharen durch die Stadt ziehen und dabei oft den Eindruck machen, selbst nicht zu wissen, ob sie eher Verkehrsteilnehmer auf der Straße oder doch brav den Bürgersteig entlangrollende Superspazierer sind.

Dieses eher gebrandmarkte Gefährt holen die Choreografin Paula E. Paul und der Videokünstler Sirko Knüpfer nun aus der Tourismus-Ecke. Elegant gleiten ihre drei Performerinnen über das Straßenraster, das in der Potsdamer Arena im Waschhaus installiert ist. Die etwa 100 Zuschauer sitzen auf 16 Inseln verteilt zwischen diesen Bahnen. Vor ihren Augen gleiten die retrofuturistisch gekleideten Performerinnen Tanja Watoro, Christine Jensen und Maria Arnold nicht nur gefühlvoll dahin, sondern beschleunigen auch, rasen gar aufeinander zu und vermeiden gerade noch Kollisionen. Sie vollführen Pirouetten an Ort und Stelle, bilden zu zweit oder zu dritt größere Mensch-Maschine-Konstellationen und zeichnen flüchtige Figuren in den Raum.

Außerdem singen sie. Meist handelt es sich um Popzitate, die Tobias Unterberg, manchen noch als Cellist bei der Berliner Punkrockband Inchtabokatables bekannt, in einen Elektropop-Raumklang integriert hat. Einige Spuren von Neuer Deutscher Welle sind zu vernehmen, etwa aus Peter Schillings »Major Tom« und Joachim Witts »Goldenem Reiter«. Auch AC/DCs »Highway to Hell« wird gewürdigt. Eigenen musikalischen Raum nehmen das Volkslied »Kein schöner Land« und Beethovens »La Marmotte« ein.

Titel und Texte greifen Motive von Mobilität, Migration und Zukunftshoffnung auf. Sie skizzieren am Anfang eine utopische Szenerie. Die drei Performerinnen locken als Reiseleiterinnen mit den Versprechungen von Tokyo Ghetto Pussy. Das Elektropop-Projekt der 90er Jahre lockte mit: »Is this the place you wanna be? Is this the sound that sets you free? Follow me, follow me to another galaxy« (Ist dies der Ort, an dem du sein willst? Ist dies der Klang, der dich befreit? Folge mir in eine andere Galaxie).

Utopie schlägt jedoch schnell in Dystopie um. Aufbruch verwandelt sich in Flucht und Kampf. Landnahmen erfolgen. In all diesen Momenten überlagern, verstärken und konterkarieren sich die musikalisch-textlichen und die tänzerisch-szenischen Elemente. Statt einer simplen Dramaturgie der Steigerung vertrauen Paul und Knüpfer darauf, einzelne Motive nur leicht anzuspielen. Sie tauchen auf, verschwinden wieder und treten an anderer Stelle erneut ans Licht. »Mein Touristenführer« gerät so zu einem Assoziations-Musical zu aktuellen Themen mit äußerst eigenwilligen Bewegungsformen.

Die ersten Ideen zu dem Stück hatten Paul und Knüpfer vor mehr als zwei Jahren, noch vor dem Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland. Jetzt hat die Thematik eine ganz andere Dimension angenommen, medial wie real.

»Mein Touristenführer« hält der Wucht der aktuellen Ereignisse aber stand, weil nicht erklärt, dokumentiert, beschrieben oder kommentiert wird, was jenseits der Ziegelmauern der Arena geschieht. Vielmehr wird ein Assoziationsraum geschaffen, der sowohl in seinen geometrischen Dimensionen als auch in der Zeit gedehnt ist und in dem Platz herrscht, Phänomene von Migration und Mobilität, von Flucht und Heilsversprechen mit Herz, Hirn, Bauch, Auge und Ohr zu verarbeiten.

Manchmal wünscht man sich ein paar härtere Akzentuierungen mehr. Der Abend läuft zuweilen Gefahr, in der Harmonie der Formen und Klänge zu verzuckern; unter dem süßen Kleid verbirgt sich allerdings einiges an Grauen, das so nicht ausgemalt werden muss und dennoch Wirkung erzeugt. Eine weitere sehr ungewöhnliche Arbeit dieser Truppe, die bisher mit Video-Choreografien von Landschaften und Menschengruppen sowie bezaubernden Stop-Motion-Kurzfilmen auffiel. »Mein Touristenführer« eröffnete zugleich das Festival »Made in Potsdam«. Im Anschluss an die Vorstellungen haben Interessierte die Möglichkeit, die Gefährte auszuprobieren.

Nächste Termine: 15., 16. und 22. bis 24.1., Waschhaus Arena, Schiffbauergasse 5, Potsdam.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln