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Der unaufhaltsame Abstieg des Johannes Pinneberg

Falladas »Kleiner Mann, was nun?« in einer Inszenierung von Hakan Savas Mican im Maxim-Gorki-Theater

In seinem Buch »Gesellschaft der Angst« hat der Soziologe Heinz Bude die Angst als die beherrschenden Konstante im gegenwärtigen sozialen Verhalten ausgemacht - eine Angst, die Menschen aller Schichten erfasst. Von Angst vor dem sozialen Abstieg und vor dem Verlust des privaten Glücks wird auch der Held aus Hans Falladas Roman, der Verkäufer Johannes Pinneberg, getrieben.

Aus Furcht, seine Stelle beim Baustoffhändler Kleinholz zu verlieren, versteckt er seinen Ehering, weil er seinen Arbeitgeber in der Hoffnung lassen will, ihm, Pinneberg, die missratene Tochter Marie andrehen zu können. Er windet sich, wenn er das seiner Frau »Lämmchen« erklären muss und mitten in der Erklärung wird er von der schrecklichen Vorstellung getroffen, arbeitslos zu werden. Wenn sich diese Marie unflätig über seine Frau auslässt, staut er mit geschwollener Stirnader seine Wut auf, um dann mit dem Schimpfwort »alte Schnepfe« herauszuplatzen und im jähen Bruch wieder eine Untertanenhaltung einzunehmen. Wenn er sich seinem alten Arbeitgeber, einem Textilhändler, wieder andienen will, zieht er aller Register der Unterwürfigkeit: vom demonstrativen Kniefall bis zur eilfertigen Versicherung, in Zukunft alle Weisungen des Chefs kritiklos auszuführen.

Im Textilhaus Mandel rennt er sich unter dem Diktat der »Hetzpeitsche Norm« die Seele aus dem Leib, verrenkt sich beim Verkauf eines Anzugs an einen mit Familie erschienenen Familienvater und setzt seine letzte Hoffnung in den Schauspieler Schlüter, den er einst in einer Rolle bewundert hat, die ihn, Pinneberg, so sehr an seine eigene jämmerliche Existenz erinnerte. Diesem Schlüter aber war es nur ein Vergnügen, den kleinen Verkäufer tanzen zu sehen. Pinnebergs Aufbegehren endet zwangsläufig im Rausschmiss, worauf er sich schweren Herzens eingestehen muss, zur Verliererseite zu gehören und gegen den Abstieg wehrlos zu sein.

Dimitrij Schaad spielt diesen armen Schlucker mit einem Höchstmaß von Wandlungsfähigkeit. Er hat die Fähigkeit, die zweite Schicht eines Vorgangs und einer Situation aufscheinen zu lassen: in der Unterwürfigkeit den Protest, im Hochgefühl vermeintlichen Glücks die Angst um seine geliebte Frau. Dieses »Lämmchen« spielt angenehm uneitel und unsentimental Anastasia Gubarewa. Dass die junge Frau das erste Mal von einem Mann begehrt und angebetet wird, glaubt man ihr aufs Wort. Die anderen an die 30 Partnerfiguren des Romans sind zu einem Chor zusammengefasst worden. Wenn dieser Chor mit aufgeteiltem Text den Arzt figuriert, bringt das noch keinen szenischen Gewinn. Wirkungsvoll ist es hingegen, wenn er die Partie des Personalchefs Lehmann übernimmt. Da tritt dem examinierten, ins Scheinwerferlicht getauchten Pinneberg eine beängstigende Front von Ablehnung und Erniedrigung entgegen. Mit andeutender Skizzenhaftigkeit übernehmen einzelne Chormitglieder Ergänzungsrollen. Das ist unterschiedlich gut gelungen.

Ein Kabinettstück liefert Mehmet Atesci, wenn er den Verkaufskontrolleur Spannfuß als einen lässig dahertanzenden Leuteschinder vorführt, mit verlogener Freundlichkeit und aasiger Verruchtheit. Cigdem Teke dagegen nervt mit illustrierender Überdeutlichkeit als Marie Pinneberg und als Marie Kleinholz. Schrille Töne und exaltierte Tanzbewegungen beginnen sich zu erschöpfen. Mehmet Yilmaz als Pinnebergs Freund Heilbutt vermag kaum Eigenprofil zu gewinnen.

Von der Regie (Hakan Savas Mican) her sind Situationen, die Fallada subtil und unter Betonung des Unausgesprochenen geschrieben hat, in die Direktheit und brutale Körperlichkeit der Bühne übertragen worden. Wenn im Roman der Unternehmer Kleinholz den Pinneberg als »Abnehmer« für seine missratene Tochter gewinnen will, lässt er ganz unmerklich die Androhung der Kündigung aufblitzen. In der Inszenierung zerrt er die Beiden mit den Händen zusammen und presst sie wie mit Schraubzwingen mit den Armen aufeinander.

Trotzdem: Wir haben eine Aufführung erlebt, die eine Geschichte von Menschen erzählt, die unsere Nachbarn sein könnten.

Nächste Vorstellung 27.1., 6.2.

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