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Treten und lächeln

Michael Vas ist erster nichtbrasilianischer Capoeira-Mestre

Fliegt Michael Vas mal wieder von Frankfurt am Main Richtung Brasilien, führt ihn sein erster Gang nach Landung in Salvador da Bahia und Einchecken ins Hotel schnurstracks zum «Mercado Modelo». Weil er in dieser gut hundertjährigen Markthalle, die jetzt ein Kulturzentrum beherbergt, ganz sicher Kollegen und Freunde treffen wird. Die verabreden sich dort nämlich regelmäßig zu einer «Roda», bilden einen Kreis von bis zu hundert Leuten, die singen und scheppern und rasseln mit allerlei Instrumenten. Und feuern athletische Typen an, die sich belauern, federnd im Wiegeschritt, und plötzlich einen Fuß hervorschnellen lassen, den anderen treffen wollen, geschmeidig und knallhart. Ein Tanz, der sich von einer Sekunde zur anderen in ein Duell verwandelt.

Dieser Mix aus Lässigkeit und Aggression ist charakteristisch für Capoeira, die nach Fußball zweitliebste Freizeitbeschäftigung der Brasilianer. Und Salvadors «Mercado Modelo» ist «unser Mekka», wie Michael Vas, der erste nichtbrasilianische Capoera-Mestre, sagt. Weil hier nämlich bis heute der Geist des legendären Senior-Mestre Bimba zu spüren ist. Der 1974 verstorbene Visionär und Praktiker - sein Spitzname war «Trés Pancadas» (drei Schläge) - arbeitete erstmals ein methodisches Trainingsprogramm aus. Und er warb zeitlebens für eine Disziplin, die früher in den benachteiligten Schichten der Gesellschaft vor allem Mittel zur Selbstverteidigung war.

Derzeit gibt es in Brasilien geschätzt sechs Millionen aktive Capoeiristas. Eine Erfolgsgeschichte, die sich vor 300 Jahren wohl niemand hätte vorstellen können. Damals besannen sich hierher als Sklaven verschleppte Afrikaner auf vergessene Kampftechniken ihrer Heimat, wollten den Sklavenhaltern nicht wehrlos ausgeliefert sein. Und begleiteten die heimlichen Übungen mit ausgelassener Musik, zwecks Irreführung ihrer Unterdrücker, wie Michael Vas im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert.

Seitdem bilden Kampfkunstbewegungen und Tanz plus Musik eine untrennbare Einheit im Capoeira. Das geht so weit, dass ehrgeizige Nachwuchskräfte, die den Meisterrang anstreben, die notwendigen Instrumente selber bauen müssen, insbesondere den klassischen Berimbau. Michael Vas kriegt das auch hin, fertigt besagtes Rhythmusgerät akribisch aus einem langen Holzstock, an dem eine Metallsaite sowie ein ausgehöhlter Flaschenkürbis befestigt werden; andernfalls wäre der 42-Jährige immer ein Kandidat geblieben und nicht vor einem Jahr zum Mestre ernannt worden.

Michael Vas fungiert auch als Geschäftsführer der deutschen Sektion von Capoeira Brasil. Das ist ein weltweit agierender Verband, der das Niveau der internationalen Capoeiraszene dem hohen Standard im Mutterland Brasilien angleichen möchte. Zwar seien auch in Europa rund 50 000 Capoeiristas aktiv, aber darunter leider viele, die keine ausreichende Qualifikation hätten, kritisiert Mestre Vas. Interessierte Neueinsteiger lernen deshalb oft kein echtes Capoeira kennen, sondern nur eine Art Imitation, bei der die Kampfsportelemente, die im Original unverzichtbar seien, nur noch Showelemente sind.

Entsprechend werde Capoeira weniger als südamerikanische Variante der Martial Arts (Kampfsport) wahrgenommen, beobachtet Michael Vas. Ein weit verbreiteter Irrtum, sagt er. «Sie sollten mal einen Wettkampf in Rio oder Sao Paulo besuchen», sagt er, «da wird nicht bloß angetäuscht, sondern Körpertreffer werden platziert, die der Gegner spürt, und Leute gehen zu Boden.» Und selbstverständlich gebe es am Ende Sieger und Verlierer. Allerdings ist der Weg zum Sieg nicht eindeutig festgelegt. Die ungeschriebenen Regeln von Capoeira werden flexibel ausgelegt und notfalls auch gebrochen. Das ist das Prinzip der «Malícia», unter der in Brasilien «Kriegslist» und «Schläue» verstanden wird. Eigentlich ist im Capoeira beinahe «alles erlaubt», resümiert Vas. Mit wenigen absoluten Grenzen. Beispielsweise soll der Gegner geworfen, aber nicht verletzt werden.

Fußtritte sind keine Fouls, sondern Standard und tragen klangvolle Namen wie «Meia-Lua de Compasso» (geschliffener Halbmond). Da teilt die Ferse einen aus, während mindestens eine Hand des Angreifers den Boden berühren muss. Artistik und Ästhetik pur. «Jemanden treten oder werfen, kein Problem, aber bitte möglichst elegant!»

Die Musik gibt vor, wie sich der Kampf entwickelt. «Denken Sie an eine Session im Jazz. Die Beteiligten improvisieren, daraus entwickelt sich ein konkretes Stück». Ähnlich laufe es im Capoeira, erläutert Vas: «Klangfarbe und wechselnder Rhythmus der Berimbau signalisieren dem erfahrenen Wettkämpfer, welche taktischen Schläge angemessen sind, ob er das Tempo anzieht oder drosselt.»

Das mache Capoeira unvergleichlich, findet der Mestre. «Der Rhythmus treibt dich an und motiviert, setzt deine Kräfte frei. Und du wächst über dich hinaus.» Und außerdem schätze er den «Humor» bei all dem. «Ja, Sie haben richtig gehört, Humor. Immer lächeln, raten die alten Meister, denn der Tapfere verlacht die Gefahr.»

Kein Wunder, dass Capoeira, also Brasiliens Antwort auf Kung Fu, die in der Vergangenheit ein reines Männerding war, zunehmend auch Frauen anzieht. Zumal eine solide Ausbildung im Capoeira auch Sicherheit auf dem Heimweg gibt,wie Michael Vas merkt. «Wer über das Anfängerstadium hinaus ist, kann sich auch selbst verteidigen.

Weitere Infos: capoeirabrasil.de

Literaturankündigung: Capoeira Guide von Michael Vas, pietsch verlag, Februar 2016

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