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»Es tut weh, diese Schönheit«

Eine Führung über den Erinnerungsort für die deportierten Juden aus Frankfurt am Main

  • Von Kevin Culina und Joel Schmidt, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 5 Min.
Öffentlich ist es teilweise nicht zugänglich, das Memorial auf dem Gelände der Europäischen Zentralbank - und vielleicht soll man es gerade deshalb besuchen.

Es ist zehn Uhr morgens. Frankfurt am Main ist an diesem Januartag grau, trist und verregnet. Mit einer Begleiterin des Jüdischen Museums stehen wir vor der Europäischen Zentralbank (EZB), um das neue Memorial für die von hier deportierten Frankfurter Jüdinnen und Juden zu besichtigen. Es ist nicht öffentlich zugänglich und nur nach namentlicher, frühzeitiger Voranmeldung zu besichtigen. Nicht nur die EZB verschanzt sich - mit ihr wird die Geschichte dieses Ortes als Teil der nationalsozialistischen Vernichtung versteckt.

Der Neubau der EZB, deren Spitze im dichten Nebel verschwindet, ist umringt von Sicherheitsarchitektur: Auf einen Graben folgt ein hoher Metallzaun, große Betonklötze schirmen das Gelände von der Straße ab. »Die Ausweise, bitte!« hallt es uns beim Betreten des Besuchereingangs entgegen. »Danach gehen Sie bitte mit dem Kollegen durch den Sicherheitsscan.« Die Eingangsschleuse unmittelbar neben dem Mitarbeitereingang wirkt leer, kalt und streng.

Nachdem ein weiterer Sicherheitsangestellter uns am Besuchereingang abholt, betreten wir offiziell das Gelände der EZB. Vor uns erstreckt sich die 220 Meter lange Backsteinfassade der einstigen Großmarkthalle. Dahinter kommen die fast 200 Meter hohen, verglasten und ineinander verschlungenen Türme der Bank zum Vorschein. Quer über das Gelände führt unser Weg über dunkles Kopfsteinpflaster zum Ostflügel des Gebäudes. An der Wand der Fassade und in den hellen Bodenplatten des neubeginnenden Weges fallen die ersten eingravierten Zitate auf.

»Vom 19. Oktober 1941 bis zum 14. Februar 1945 ist die Großmarkthalle der Sammelpunkt für die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus Frankfurt und Umgebung gewesen. Man raubte ihnen die letzte Habe und misshandelte sie in den Kellern der Halle. Dann wurden sie wie Vieh in Güterwaggons geladen. Die Ziele der Transporte waren Orte der Vernichtung«, steht auf der ersten Gedenktafel, die hier 1997 an der Außenfassade angebracht worden ist. Fünf Jahre später erwarb die EZB das Gelände. Die Gestaltung des Erinnerungsortes ist ein lang umkämpftes Ergebnis der Verhandlungen zwischen Vertretern der Stadt, der Jüdischen Gemeinde sowie der EZB, die unser Guide lakonisch kommentiert: »Die EZB wollte nie, dass das Memorial auf ihrem Gelände steht.«

Das schwarze Kopfsteinpflaster unter unseren Füßen verliert zunehmend seine Gleichmäßigkeit. Vermehrt sprießen große Grasbüschel zwischen den einzelnen Pflastersteinen, je näher wir uns leicht bergab auf zwei, einige Meter hohe und parallel zueinander verlaufende Betonmauern zubewegen. Ein weiterer Sicherheitsangestellter öffnet uns die Tür, um ins Innere der Mauern, der Rampe zu gelangen. Nach links blickend begrenzt eine breite Glasscheibe mit einem Zitat den öffentlichen von dem nicht öffentlichen Teil des Memorials. Die Worte darauf beschreiben die Sichtbarkeit der Deportationen und der öffentlichen Erniedrigung.

Nach rechts, wie in einen dunklen Schlund blickend, führt der Weg hinab in die Kellerräume der ehemaligen Großmarkthalle. Von hier aus wurden 11 134 Jüdinnen und Juden in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert - »der letzte Transport von 300 jüdischen Frauen und Kindern fand nur wenige Wochen vor der Befreiung Frankfurts durch die Alliierten statt«, erzählt der Guide beim betreten der Kellerräume. Diese beiden großen Räume wurden weitestgehend in ihren ursprünglichen Zustand zurückgesetzt. Sie sind dunkel und kahl, verblichene gelbe Farbe bröckelt von den Wänden. Tageslicht fällt lediglich durch einzelne Schächte hinein. Auch hier ist der Weg von Zitaten aus Tagebüchern oder Berichten Überlebender oder Ermordeter gesäumt. Direkt am Eingang zum ersten Kellerraum heißt es: »Ich weiß nicht, was vor mir liegt, vielleicht ist das gut so«, notiert von Ernst Ludwig Oswalt, der am 10. Juni 1942 von hier aus nach Lublin deportiert wurde. »In diesem Vorraum«, so der Guide, »mussten sich die Leute einem bürokratischen Prozess der Erfassung, Enteignung, Demütigung und Entrechtung unterziehen - und zu allem Hohn noch 50 Reichsmark für ihre sogenannte Fahrkarte bezahlen.« Anschließend wurden sie in dem angrenzenden, etwa 400 Quadratmeter großen Raum zusammengepfercht, nicht selten bis zu tausend Menschen auf einmal und über mehrere Tage.

Das beklemmende Gefühl dieses Ortes nimmt mit der Anmerkung des Guides zu: »Der Marktbetrieb im Obergeschoss der Großmarkthalle lief regulär weiter, ungeachtet der aus dem Keller ertönenden Schreie.«

Mit Verlassen der Kellerräume endet auch die Führung durch den nicht öffentlichen Teil des Memorials. Nur wenige Meter vom Ausgang der EZB entfernt beginnt nun ihr in den Mainuferpark integrierter öffentlicher Teil. Dieser besteht aus einem restaurierten Stellwerk sowie den dazugehörigen Gleisen, auf denen die Deportationszüge vom Bahnhof der Großmarkthalle aus abfuhren. Da die Gleise jedoch größtenteils nur im hellen Gussbeton angedeutet sind, auch nicht bis auf das Gelände der Großmarkthalle verlaufen, ergibt sich nicht zwangsläufig eine offensichtliche Verbindung zwischen diesen beiden Elementen. Und weder die, mit ihren insgesamt sechs Sätzen äußerst knapp ausgefallene, am Stellwerk installierte Informationstafel, noch die leicht zu übersehenden, im Fußweg eingravierten Zitate der Deportierten, liefern hierbei einen tiefergehenden Überblick über die Bedeutung dieses Ortes. Insgesamt besticht dieser vor allem, wie eine Teilnehmerin unserer Gruppe sich empört, durch seine bald ans Unsichtbare grenzende gestalterische Zurückhaltung. »Die Authentizität des Ortes bewahren«, gibt der Guide die Absichten der Architekten des Memorials wieder. Im Hinblick auf die lange Auseinandersetzung um ein Memorial erweckt dieser Anspruch andere Assoziationen: Gedenken an die Shoah soll in Deutschland möglichst gut verdaulich sein und bloß nicht stören.

Besonders aufdringlich oder sichtbar ist es allemal nicht. Beim Verlassen des Ortes lesen wir auf dem Boden vor uns die 1942 verfassten Worte Tilly Cahns: »Da die Leute nicht Trambahn fahren durften, mussten sie mit ihrem Gepäck zu Fuß an die Großmarkthalle. Spießruten laufen dazu! Und draußen blüht der Mai: Kastanien, Flieder, Glyzinien, Apfelbäume - es tut einem weh, diese Schönheit.«

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