»Entweder Versöhnung oder Kampf«

Die syrische Großstadt Homs liegt in Trümmern, 
doch die Menschen wollen, dass normales Leben zurückkehrt

  • Von Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 8 Min.
Die Großstadt Homs zählte zu den Hochburgen der Rebellen. Anfang Dezember zogen die letzten von ihnen ab. Seitdem normalisiert sich das Leben, aber ganz langsam.

Damaskus, Januar 2016. Ein blauer Himmel strahlt über der syrischen Hauptstadt, die so ruhig ist wie seit Wochen nicht mehr. Die »Islamische Armee«, die in der östlich von Damaskus gelegenen fruchtbaren Ghouta-Region - in Douma, Harasta und Jobar - über eine gespenstische Ruinenlandschaft das Regiment führt, hat sich nach dem Tod ihres Anführers Zahran Allousch am 24. Dezember anscheinend in eine Beratungsphase zurückgezogen. In der syrischen Hauptstadt erzählt man sich, ein lokaler Waffenstillstand werde dort vorbereitet. Doch eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Möglicherweise hält sich die Gruppe mit ihren Raketen- und Mörserangriffen auf die östlichen Wohnviertel von Damaskus auch deswegen zurück, weil eine andere Größe der islamistischen Miliz, Mohamed Allousch, sich auf seine Rolle als die Nummer Eins der »Riad-Delegation« bei den Genfer Syrien-Gesprächen als politischer Führer präsentieren soll. Saudi-Arabien hatte im Dezember in Riad ein Treffen von ihm genehmen Oppositionsgruppen organisiert.

Mohamed Allousch, ein Verwandter von Zahran Allousch, ist Vorsitzender des Politbüros der »Islamischen Armee«, die von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten in den Golfstaaten, Jordanien, der Türkei, den USA und Europa finanziell und logistisch unterstützt wird. Nach Ansicht dieser Allianz gehört die Miliz zu den »moderaten« Rebellen, die in den politischen Prozess um die Zukunft Syriens einbezogen werden müssen. Aus Sicht vieler Syrer handelt es sich indes um eine salafistische Miliz, die Syrien in einen islamischen Staat umkrempeln will, in dem für säkulares Gedankengut kein Platz mehr sein soll.

Die syrische Regierung, Russland und Iran betrachten und bekämpfen die Gruppe als »Terrororganisation« und fordern deren Ausschluss von jedem politischen Prozess in Syrien. Dass die »Riad-Delegation« einen Vertreter gerade dieser Gruppe zu ihrem Verhandlungsführer ernannt hat, wird von politischen Beobachtern in Damaskus als »Provokation« Russlands interpretiert. Deren Botschaft in Damaskus war von der »Islamischen Armee« wiederholt gezielt angegriffen worden, auch Tote waren zu beklagen. Die syrische Regierung reagierte auf ihre Weise. Nicht Außenminister Walid Mouallem oder sein Stellvertreter, Feisal Mekdad, werden zu den Gesprächen nach Genf entsandt. Stattdessen soll der syrische UN-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Baschar al-Jaafari, die Regierungsdelegation leiten.

Für Elias Samman von der oppositionellen Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) zeigen die neuen Gespräche in Genf, dass die Lösung des Krieges in Syrien den Syrern selber aus den Händen genommen wurde. Die internationalen und regionalen »Großmächte müssen sich einigen, um den Krieg zu beenden«, sagt Samman bei einem Gespräch in seinem Büro in Alt-Mezzeh. Längst sei klar, dass in Syrien ein »Stellvertreterkrieg« herrscht.

Aktuell behindere die Eskalation zwischen den regionalen Kontrahenten Iran und Saudi-Arabien eine Lösung. Die USA und die anderen westlichen Staaten scheinen seiner Meinung nach die Ausbreitung des »Islamischen Staates in Irak und in der Levante« (arabisches Kurzwort: Daesh, in Deutschland unter der Abkürzung IS am bekanntesten) zumindest eingrenzen zu wollen.

»Wollten sie Daesh stoppen, müssten sie dessen Versorgungslinien unterbrechen, die aus der und in die Türkei führen«, so Samman. Dafür gebe es keine Anzeichen. Die Frage bei Oppositionsvertretern in Genf - egal ob es eine Gruppe ist oder mehrere selbstständig verhandelnde Delegationen - sei doch, wen die Leute überhaupt in Syrien vertreten könnten. Auf die Bevölkerung hätte die »Riad-Delegation« kaum Einfluss, weil sie im Interesse anderer Staaten auftrete. Auch seine Partei, die SSNP, sei eingeladen worden, einen Vertreter nach Genf zu schicken. Noch sei unklar, ob derjenige auch geschickt werde. »Wir haben auch nur wenig politischen Einfluss auf die Bevölkerung«, räumt Samman ein. Der Alltag sei von der Not der Menschen und vom Krieg bestimmt.

Es ist spät geworden über unserem Gespräch. Draußen wird es dunkel, und ich greife in meine Tasche, um mich zu vergewissern, dass ich die Taschenlampe eingesteckt habe. Angesichts der häufigen und langen Stromsperren gehört sie heute zu den Dingen, die man immer dabei haben sollte. Ein kalter stürmischer Wind fegt durch die Straßen und treibt Plastiktüten, Sand und Blätter vor sich her. Den ganzen Tag schon haben die Leute von dem Sturm gesprochen, der über Syrien in dieser Nacht hinwegfegen soll. In den Bergen soll er Schnee bringen und in den Städten Regen. Eine neue kalte Nacht senkt sich über das Land.

Früh am nächsten Morgen fahre ich nach Homs, wo nach monatelangen Verhandlungen eine Vereinbarung zwischen dem Gouverneur und bewaffneten Gruppen in Kraft getreten ist, die sich in dem Vorort Al-Waer verschanzt hatten. Manche sprächen von Versöhnung, hatte Elias Samman am Vortag gesagt. Doch von Versöhnung würde er bei dieser Vereinbarung nicht sprechen wollen. Beide Seiten seien erschöpft, die jungen Männer suchten einen Ausweg, und die Bevölkerung wolle, dass das Kämpfen ein Ende habe. »Erst wenn die Waffen schweigen, kann der lange Prozess von Versöhnung beginnen.«

Die Straße von Homs nach Al-Waer liegt verlassen und führt an den Häuserruinen von Kharabis vorbei. Dann folgen Felder und schilfumrandete Seen, an denen kleine Restaurants stehen, die geschlossen sind. Verlassen sind die Spielplätze, ein Schwimmbad und ein Vergnügungszentrum zeigen Kampfspuren. Der Orontes, den die Syrer Atassi nennen, fließt hier entlang, und früher vergnügten sich die »Homsis« an seinen Ufern.

Eine Nebenstraße führt uns über das weitläufige Gelände des Militärkrankenhauses von Al-Waer. Ich erinnere mich, dass ich mit einem ganzen Bus voller Journalisten - ARD, BBC, CNN, Russia Today inklusive - im Februar 2012 schon einmal hier war. Damals sprachen wir im Krankenhaus mit Verletzten einer Autobombenexplosion, bei der Soldaten und zivile Mitarbeiter der Armee auf dem Weg zur Arbeit getötet wurden. In einem Nebenraum des Leichenschauhauses lagen vier Plastiksäcke, mit den verbrannten Überresten von vier Menschen. Angehörige trugen ihre getöteten Ehemänner, Väter und Söhne in Holzsärgen davon.

Als wir das Militärgelände wieder verlassen, liegt vor uns eine Kreuzung mit einem Kontrollpunkt der syrischen Armee. Hier ist ein Zugang für Einwohner von Al-Waer, die nach Homs wollen oder von dort zurückkommen. Orangen und Kartoffeln, Zucker und Gasflaschen werden von einem Lastwagen auf kleinere Fahrzeuge umgeladen, die dann mit den Gütern nach Al-Waer hineinfahren.

Eine Frau mittleren Alters überwacht das Umladen von Schulbüchern, bei dem ihr Sohn und ein Jugendlicher helfen. Als Maysa Khorfa stellt sie sich vor. Sie sei Lehrerin an der Cordoba-Grundschule in Al-Waer, die jetzt mit den Schulbüchern für das nächste Quartal ausgestattet wird. Was sie über die Vereinbarung zum Abzug der bewaffneten Gruppen aus Al-Waer denke, frage ich sie. »Diese Vereinbarung ist das Beste, was uns in den letzten Jahren passiert ist«, sagt sie und hebt ihre Hände gen Himmel. »Dank Allah! Wir haben so lange darauf gewartet.«

Ein Militärbeobachter, der das Umladen kontrolliert, zeigt sich weniger enthusiastisch. Als Soldat könne er es nicht akzeptieren, dass bewaffnete Personen in einen anderen Teil des Landes gebracht würden, sagt der Mann, der sich als »Abu Basil«, der Vater von Basil, vorstellt. »Entweder Versöhnung oder Kampf«, sagt er. Es könne gut sein, dass dort, wo die Kämpfer nun hingingen, eine neue Front entstehen würde.

Von Seiten der Geschäftsleute aus Al-Waer wird das Umladen der Güter von Abdulrahman Aslan überwacht. Er werde für seinen Einsatz bezahlt, berichtet er. Die Geschäftsleute hätten ihn gewählt. 270 Kämpfer hätten mit rund 700 Familienangehörigen die Stadt Richtung Idlib im Norden, nahe der türkischen Grenze, verlassen, sagt er. Die restlichen Kämpfer sollten bis Ende Januar evakuiert werden.

Früher lebten hier mehr als eine halbe Million Menschen. Doch als Kämpfer aus anderen zuvor umkämpften Gebieten (Baba Amr 2012, Altstadt von Homs 2012-2014) einzogen, verließen die meisten Zivilisten den Ort. Was dann geschah, ist exemplarisch für viele Orte in Syrien. Die syrische Armee forderte den Abzug der Kämpfer, die sich weigerten. Daraufhin zog die Armee einen Belagerungsring um Al-Waer, immer wieder kam es zu Gefechten. Lebensnotwendige Güter, Nahrungsmittel und Medikamente wurden knapp und konnten nur nach Verhandlungen beider Seiten die Sperren passieren.

Nahe der Bäckerei von Al-Waer wartet ein Ehepaar an einem weiteren Kontrollpunkt der Armee. Sie wollen den Ort verlassen, um in Homs einen Arzt und Verwandte besuchen zu können. Die Abfertigung sei zügig, meint der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, und sich als »Abu Mustafa«, der Vater von Mustafa, ansprechen lässt. Die Vereinbarung sei gut, so der blasse, ernst blickende Mann. Doch die Angst sei nicht vorbei, da es noch immer bewaffnete Gruppen im Ort gebe. »Sie sind direkt in unserer Nachbarschaft«, sagt seine Frau, Umm Mustafa, die Mutter von Mustafa. »Wir bleiben meist im Haus.«

Die große Bäckerei ist von frischem Brotduft erfüllt, hell lodert das Feuer in zwei der insgesamt vier Backöfen. Die letzten fünf Jahre habe die Bäckerei 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche produziert, sagt der Verkaufsleiter Salem und drückt mir ein frisch gebackenes Brot, arabisch »Chubs«, in die Hand. Aber nicht immer seien alle vier Öfen in Betrieb gewesen. Jeder Ofen backe am Tag 8000, alle zusammen insgesamt 56 000 Brote.

Abnehmer seien die Armee und das nahe gelegene Militärkrankenhaus, die Stadt Homs und natürlich Al-Waer. Auf den langen, gewundenen Fließbändern werden die frisch gebackenen Brotfladen wie aufgepustete Ballons durch die Halle transportiert. Am Ende der Transportbänder sitzen Frauen, die jeweils sieben Brote in eine Plastiktüte packen und auf Rollwagen stapeln. Lachend winken sie und gestikulieren: »Machen Sie doch ein Bild von uns.«

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