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Das Verbrechen hinausschreien

Adorno, Celan und die Lyrik nach Auschwitz

  • Von Philip J. Dingeldey
  • Lesedauer: 5 Min.

Literarisch über Auschwitz zu schreiben, ist schwer, obwohl viele Werke genau das bis heute versuchen; war der Holocaust doch viel schlimmer als jede klassische Tragödie, bei der die Leidtragenden selbst Akteure gewesen wären; war er doch kein metaphysisches Ereignis, da den Dienern des Nationalsozialismus jene klassische Fähigkeit des kritisch-moralischen Denkens abhanden kam. Es kann zu keiner Katharsis kommen. Verarbeiten lässt sich dieses Ereignis von Lesern auch nicht. Ließen sich dann wenigstens Gedichte darüber schreiben?

Theodor W. Adorno hat dies in seinem Aufsatz »Kulturkritik und Gesellschaft« verneint. In einer totalen kapitalistischen Gesellschaft sei der Geist absolut verdinglicht. Er schrieb: »Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ist, heute ein Gedicht zu schreiben.« In selbstgenügsamer Kontemplation sei der kritische Geist der Verdinglichung nicht mehr gewachsen.

Als Entgegnung können die Gedichte Paul Celans gelten. Er war selbst als Jude in einem Arbeitslager interniert gewesen. Der deutlichste Versuch, Lyrik nach Auschwitz über Auschwitz zu schreiben ist »Die Todesfuge«. Es versucht mit neuen Mitteln, das erlebte Leid von Auschwitz auf einer abstrakten Ebene zu beschreiben, mit Chiffren: »Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ (…) wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng«. Dazu kommen ständig sich neu anordnende Redundanzen und tief schürfende Metaphern und der bekannte Ausspruch »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«, der mehrmals brutal mitten in die Verse geworfen wird. Auch Celans Gedicht »Engführung« lässt sich als Antwort auf Adorno lesen. Es zeigt ebenfalls kryptisch, redundant und elliptisch das Gefühl der Be- und Unterdrückung und den Verlust jedes Lebenssinnes. Celan und Adorno haben sich übrigens im Sommer 1959 in Sils getroffen. Sie haben über die Rolle der deutschen Sprache diskutiert, die den Juden nach Auschwitz noch bleibt. Es ging um die Sprache der Schlächter und um die eventuelle Notwendigkeit, Gedichte zu schreiben, die Sprache nicht dem Bösen zu überlassen.

Adornos Lyrikthese lässt sich sehr gut in den Kontext seiner Kritischen Theorie einbetten: So beschrieben er und Max Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung« das Denken, das den Holocaust hervorgebracht hatte: nämlich einerseits die minutiös auf der Wannsee-Konferenz von 1942 und von Adolf Eichmann geplante Vernichtung, und andererseits die Haltung, Befehle unkritisch zu befolgen.

Das Problem des Gegensatzes von Adornos Lyriktheorie und Celans Lyrikpraxis ist aber wohl auch Adornos zu reduzierte Sicht auf die Lyrik. Denn sie ist die einzige Gattung, für die er dezidiert ausschloss, noch schreibbar zu sein, ohne barbarisch zu werden. Adorno betrachtete sie im rein klassischen Sinne: als Gattung, die komprimiert und erhaben eine Art metaphysische Katharsis hervorrufen könnte, dabei die Emotionen oder Erlebnisse metaphorisch verarbeitet und womöglich sogar noch heiter und unterhaltsam sei.

Natürlich hat er insofern recht, als dass romantische Gedichte nach Auschwitz tatsächlich einen bitteren banalen Beigeschmack erhalten, da sie faktische Problematiken verdecken, statt sie offenzulegen. Doch Lyrik ist nicht automatisch heiter und metaphysisch. Sie kann sich der Verdinglichung entziehen, leichter als konkretere Literaturformen. Barbarisch war der Holocaust, barbarisch ist eine totale kapitalistische Gesellschaft, aber Lyrik muss nicht barbarisch sein!

Nach Auschwitz können nichtbarbarische Gedichte nicht mehr in der alten Form verfasst werden. Das bedeutet aber, dass es einer neuen Form der Lyrik bedurfte. Eine solche haben etwa Celan oder Nelly Sachs gefunden. Schließlich sah dies auch Adorno ein und ruderte etwas zurück, als er in den Noten zur Literatur schrieb, dass es nach Ausschwitz zumindest auf unabsehbare Zeit unmöglich sei, sich heitere Kunst vorzustellen.

Erschwert wird die Lyrik nach Auschwitz nicht nur durch den Verlust von Heiterkeit oder Metaphysik. Auch die Utopie sei, so Adorno, darin unmöglich, da das Unvorstellbare, Schlimmste, das thematisiert werde, bereits in der Realität eingetreten sei. Ebenso kann das überlebende Opfer nie Adornos Behauptung komplett widerlegen, da sich nie und in keinen Worten das volle Ausmaß des Geschehenen komplett erfassen lässt. Auch hat der Überlebende das Leid nie bis zum Tod in der Gaskammer erfahren. Adornos Idee ist jedoch fragwürdig, der Überlebende könne das Leid nicht komplett erfassen, und es lasse sich keine generalisierende Aussage darüber treffen, ob für die Opfer das Sterben in oder das Überleben von Auschwitz schlimmer sei.

Mit dem Mangel der Unvollständigkeit müssen Gedichte nach Auschwitz über Auschwitz leben. Aber das macht sie nicht unmöglich! Man könnte unterstellen, dass Adornos Lyrikbild reduzierter und unkreativer war als das von Dichtern, die den Holocaust selbst erleben mussten. Viele davon haben neue, unvollkommene, aber sehr eindringliche Wege gefunden, das Thema teilweise zu behandeln und die aufgeklärte Barbarei ansatzweise zu entlarven. Gerade wegen Auschwitz ist es so wichtig, das Schweigen der Opfer zu brechen, das Vergessen zu verhindern und auf verschiedensten Wegen das Thema aufzugreifen. Gedichte können sich, durch ihre Abstraktionsfähigkeit, am ehesten der totalen Verdinglichung nach Auschwitz widersetzen.

So lassen sich diese Verbrechen hinausschreien und Adornos Kategorischer Imperativ vielleicht erfüllen: Demnach sollen wir stets so handeln, dass sich Auschwitz nicht wiederholt. Daher hat Adorno abermals seine Lyrikthese relativiert und gestand auch den Opfern in seiner »Negativen Dialektik« zu: »Das perennierende Leid hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht sich mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse.« Paul Celan hat die letzte Frage verneint. Er beging 1970 in Paris Suizid.

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