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UNTEN LINKS

Was Wahrheit ist und was Lüge, was Bericht, was Propaganda - dies einzuschätzen im Konflikt um die Ostukraine, ist für Beobachter aus der Ferne derzeit etwas kompliziert. Aber zum Glück für die Freunde der Wahrheit gibt es neutrale Experten, die uns die Lage erklären: »Was in der Ostukraine passiert, ist eine gut durchdachte und organisierte Militäroperation, und wir gehen davon aus, dass sie a...

Der Januskopf des Staates

Die Anzahl der Kontoabfragen durch deutsche Behörden hat einen Rekordstand erreicht und steigt weiter. Daumen runter, signalisieren die einen: »Der Trend zum Überwachungsstaat, zur Behördengängelung, zum gläsernen Bürger nimmt immer mehr zu.

Staatliche Neugier auf Konten nimmt deutlich zu

Berlin. Finanzämter, Sozialbehörden und Gerichte prüfen im Kampf gegen Steuerbetrug und Sozialmissbrauch immer häufiger die Konten von Privatpersonen. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Abfragen auf 141 640 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Das Bundesfinanzministerium bestätigte am Freitag einen entsprechenden Bericht der »Süddeutschen Zeitung«. Die deutliche Steigerung sei aber nahezu v...

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Schlitzohriger Schachzug

Argwöhnisch achtet die CSU seit Jahrzehnten darauf, dass gemäß dem guten alten Spruch von Franz Josef Strauß rechts von ihr kein Grashalm wächst. Dafür hat sie es noch immer vermocht, aus Stammtischparolen politische Losungen zu basteln und Volkes Stimme im Takt des bayerischen Defiliermarsches zum Klingen zu bringen. Bei der Europawahl im Mai allerdings könnte sich der rechte Ausfallschritt de...

Spirale der Sabotage

Die ukrainische Krise ist längst in die Spirale der fortgesetzten Verschärfung geraten. Jeder der Beteiligten setzt immer noch eins drauf - in Worten wie in Taten. Die Beschwörung eines dritten Weltkriegs und auch die böse Anklage des US-Außenministers, der Kreml betreibe in der Ukraine »Sabotage«, gehören dazu. Wenn der Kreml nichts zur Verwirklichung der Genfer Vereinbarung tut, dann das Weiß...

In der Abrüstungspflicht

Es gibt Gebiete auf den Marshallinseln, die wurden für 24 000 Jahre zum Sperrgebiet erklärt. Derart radioaktiv verseucht sind einige Atolle. Dort haben die USA insgesamt 67 Nukleartests unternommen, mit verheerenden Folgen für Natur und Mensch.

ndPlusReiner Oschmann

Obamas »Axe«

Die Axt im Hause erspart den Zimmermann - die Floskel erfährt in London neue Bestätigung: US-Wahlkampfstratege David Axelrod (59), genannt »The Axe« und lange Barack Obamas einflussreichster Berater, wird auf dem Weg zur nächsten britischen Parlamentswahl im Mai 2015 den Labour-Oppositionsführer Ed Miliband beraten. Axelrod, der als Erfinder von Obamas Slogan »Yes we can« gilt, hatte zweimal fü...

Gesungener Working-Class-Geheimtipp

Nun da die Frage so aktuell ist, warum eine Halbinsel oder ein sonstwie herumragender Landesteil nicht einfach von anderen Leuten übernommen oder sich selbst übergeben werden kann, bekommt hoffentlich auch Schottland endlich die nötige Aufmerksamkeit.

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Stiftung für HIV-infizierte Bluter bedroht

Viele Bluter bekamen in den 80er Jahren HIV und Aids. Verantwortliche hatten die Augen verschlossen vor den Gefahren der Blutpräparate. Später gab etwas Hilfe - jetzt geht das Geld aus.

Uwe Kalbe

CSU hält Europa auf Abstand

Auch die CSU bereitet sich auf die Wahl zum EU-Parlament am 25. Mai vor. Für eine Klausur am Freitag und Sonnabend suchte sich der Vorstand zu diesem Zweck eine inspirierende Umgebung aus.

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Verbesserte Terrorabwehr im Atomlager

Gundremmingen. Das Atomzwischenlager beim Kernkraftwerk Gundremmingen wird als erstes in Deutschland mit einer Mauer zusätzlich gegen Terroranschläge geschützt. Der Bau habe begonnen, sagte ein Sprecher des Kraftwerks und bestätigte einen Bericht der »Süddeutschen Zeitung«. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz in Salzgitter hatte Gundremmingen im Januar als erstes Zwischenlager in Deu...

Kurt Stenger

Tschernobyl wird nicht vergessen

Mit zahlreichen Aktionen wird an diesem Wochenende in Deutschland an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnert.

Hans-Gerd Öfinger, Wiesbaden

»Fast keine Impulse«

Hessens Grüne machten im letzten Jahr Wahlkampf gegen die CDU. Jetzt sitzen sie mit ihr fest in der Landesregierung.

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Obama will Nordkorea »mehr beißen«

Seoul. US-Präsident Barack Obama hat Nordkorea angesichts von Zeichen für einen weiteren Atomtest vor neuen Provokationen gewarnt. »Drohungen werden Nordkorea nur noch mehr in die Isolation treiben«, sagte Obama nach Gesprächen mit Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye am Freitag in Seoul. Es sei möglicherweise Zeit, über Sanktionen gegen Nordkorea nachzudenken, »die mehr beißen«. Zugleich hinter...

ndPlusPit Wuhrer, London

Im Gedenken an Bob Crow

Neue Streiks bei der Londoner U-Bahn, zahllose Urabstimmungen, wachsende Mitgliederzahlen: Die britische Transportgewerkschaft RMT gehört zu den erfolgreichsten Gewerkschaften Europas.

ndPlusFrederic Spohr, Bangkok

Molltöne vor Malaysiatrip

Erstmals seit rund 50 Jahren besucht wird am Wochenende ein US-Präsident den Inselstaat Malaysia besuchen. Doch trotz lobender Töne im Vorfeld wird es keine einfache Reise für Barack Obama.

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Irina Wolkowa, Moskau

Genfer Partner sollen Frieden bringen

Telefonisch drohte Bundeskanzlerin Merkel dem russischen Präsidenten wieder einmal mit Sanktionen. Doch Moskau denkt schon über eine internationale Friedensmission in der Ukraine nach.

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GE will Siemens ärgern

München/Paris. General Electric (GE) und Siemens haben ihre Kräfte schon zu Kaisers Zeiten gemessen. Von ehrgeizigen Erfindern im 19. Jahrhundert gegründet, sind die Firmen längst zum Inbegriff großer Industriekonzerne geworden - und für die Rivalität zwischen Branchengiganten. GE, heißt es, soll nun nach dem kleineren französischen Alstom-Konzern greifen, der beiden Unternehmen Konkurrenz mach...

ndPlusMarcus Meier

Öl verpestet Münsterland

Im münsterländischen Gronau tritt seit zwei Wochen Öl in großen Mengen aus und verseucht ein Naturschutzgebiet. Die Behörden sprechen von einem beispiellosen Schaden und sind dennoch ratlos.

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Bühne für Stärken des Stadttheaters

Mit neun Inszenierungen geht das Berliner Theatertreffen in der kommenden Woche an den Start. Die Auswahl stelle die Stärken des deutschsprachigen Stadttheaters unter Beweis, sagte Leiterin Yvonne Büdenhölzer am Freitag. Die Jury habe 395 Aufführungen besucht, in die Vorauswahl seien 30 Produktionen gekommen. Das Festival hatte bereits Anfang Februar sein Programm bekanntgegeben. Vier Auf...

Walter Kaufmann

Im jüdischen Haus eine Palästinenserin

Man muss nicht Michel Bergmanns Romane »Die Teilacher« und »Machloikes« kennen, um sich in »Herr Klee und Herr Feld«, dem dritten Band seiner Trilogie, zurechtzufinden. Schon nach dem ersten Satz »Meine Herren! Ich werde Sie verlassen« ist man auf alles weitere gespannt. Zwei jüdische Brüder namens Moritz und Alfred Kleefeld, 77 und 75 Jahre alt, Universitätsprofessor der eine, Ex-Schauspieler ...

ndPlusTobias Riegel

Das Vakuum nach der Montagsdemo

Den Antiamerikanismus an sich gibt es nicht. Es gibt Kritik am »US-System« aus allen erdenklichen Richtungen - auch von rechts. Dennoch dürfen Linke die Kritik nicht einstellen, sondern müssen sie der Querfront wieder offensiv entwinden.

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Dinge des Lebens

Depot-Objekte und die konzeptionelle Fotografie des italienischen Künstlers Franco Vimercati (1940-2001) vereint seit Freitag eine Sonderausstellung im Dresdner Residenzschloss. Die Schau mit dem Titel »Die Dinge des Lebens/Das Leben der Dinge« (bis 27. Juli) lädt in der noch unrenovierten Festetage zum vergleichenden Sehen ein. Die Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) als Verbund von 14 Häusern s...

Hans-Dieter Schütt

Der Tastsinn

Er war gedrungen und konnte doch so machtvoll wirken. Wer ihn betrachtete, bekam Lust darauf, weichgestimmt zu sein - und begegnete zugleich einer Energie, die bedachtsam auf ihren Ausbruch wartete. Donatas Banionis ist ein Schauspieler, der Kraft in Gemütszittern zu verwandeln und Entschiedenheit in fragende Vorsicht aufzulösen vermag. Die Tat als Trumpf, der jedoch ein skeptischer, zögernder ...

Roberto Becker

Am Ende kommt der Riesenrotstift

Ob das heutzutage so viel anders laufen würde als 1835 irgendwo in Russland? Was Nikolai Gogol da in seiner beißenden Satire an menschlichen, speziell kleinbürgerlichen Verhaltensweisen aufgespießt hat, ist recht zählebig. Warum sollte man den großen Krach und eine Änderung liebgewonnener Gewohnheiten riskieren, wenn ein bisschen Schmieren auch hilft? Dabei muss der Bestochene nicht mal was ver...

ndPlusKlaus Bellin

»Keine andern als gute Bücher«

Am Morgen des 4. Mai 1794 brach der Verleger Johann Friedrich Cotta, begleitet von Friedrich Schiller, zu einer Landpartie zum Kahlenstein auf. Es wurde die folgenreichste Kutschfahrt seines Lebens.

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Angela Bern

Der Pokalsieg wird zur Pflicht

Das Traumfinale scheint längst festzustehen: Doch auf die beiden Rekordsieger Leipzig und Leverkusen warten beim Final Four um den DHB-Pokal der Handballerinnen zuvor gefährliche Gegner.

Ohne Emotionen kann ich nicht spielen

Max Günthör war dreimal deutscher Volleyballmeister, doch das letzte Mal liegt sieben Jahre zurück. Jüngst verlor der 28-jährige Nationalspieler vom VfB Friedrichshafen meist gegen die neuen Platzhirsche aus Berlin. Oliver Händler erzählt er, dass er das Trauma mit dem Pokalsieg im März bezwungen hätte. Und über die Meisterschaft könnten am Ende Deckenleuchten entscheiden.

Kurznachrichten:

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ndPlusFrank Hellmann, Hamburg

Ein krankes Konstrukt

Der Hamburger SV, Drittletzter in der Bundesliga, hat über 100 Millionen Euro Schulden. Um die Lizenz für die kommende Saison zu bekommen, braucht der Klub bis Ende Mai zehn Millionen Euro.

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Tragischer Todesfall

Die von Flüchtlingen und Roma besetzte Schule in Kreuzberg ist Schauplatz eines Mordes geworden. Offenbar aus einem nichtigen Streit um eine Dusche hat ein Bewohner einen anderen mit einem Messer erstochen. Die näheren Umstände waren am Freitag zunächst unklar. Die Messerattacke ist allerdings ein trauriger Höhepunkt von Gewaltvorfällen, die es vor, um und in der Schule in den vergangenen Woche...

Guido Speckmann

Flüchtling durch Messerstich getötet

Auf dem Gelände der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg ist am Freitag ein 29-jähriger Marokkaner bei einer Messerstecherei getötet worden. Das bestätigte der Sprecher der Berliner Polizei, Kriminaldirektor Stefan Redlich, dem »neuen deutschland«. Ihm zufolge war es in einem Duschraum eines Flachbaues vor der eigentlichen Schule zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Mann aus Maro...

»Zivilgesellschaftliches Engagement ist wichtig«

Matthias Müller arbeitet bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR). Die MBR ist eines der Leitprojekte des Landesprogrammes gegen Rechtsextremismus. Mit Matthias Müller sprach für das »nd« Jonas Pentzien.

Martin Kröger

1600 Polizisten schützen 150 Nazis

Die Polizei will den Aufmarsch der rechten NPD am Sonnabend mit einem Großaufgebot durch den Kreuzberger Kiez um den Moritzplatz führen, in dem besonders viele Migranten leben. Gewarnt werden die Anwohner nicht.

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Mehr Versuche mit Mäusen und Ratten

Tausende Tiere werden in Brandenburg jedes Jahr zu wissenschaftlichen Versuchen genutzt. Tierschützer fordern Alternativen, doch eine Landeskommission wirbt um Verständnis.

ndPlusBernd Kammer

Busse und Bahnen kommen öfter

Busse und Bahnen sind häufig überfüllt. Senat und BVG reagieren jetzt und lassen auf 39 Linien besonders in den Abendstunden mehr Fahrzeuge rollen.

Wilfried Neiße

Auf niedrigem Niveau stabilisiert

Auch zehn Jahre nach Polens EU-Beitritt bleibt die Sprache des Nachbarlandes vielen Deutschen rätselhaft. An Brandenburgs Schulen wird nach Jahren des Rückgangs jetzt wieder mehr Polnisch unterrichtet.

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Johannes Paul zückte die Pistole

Johannes Paul, Bochumer Vorstand der »Alternative für Deutschland«, hat einen Kritiker der rechtsliberalen Partei mit einer Schreckschusspistole bedroht.

ndPlusUwe Kraus, Bernburg

Versuchsraps, Drohnen, Feldroboter

Am Rande der Kreisstadt Bernburg in Sachsen-Anhalt beobachten derzeit Agrarexperten besonders intensiv, wie sich auf den zahlreichen Versuchsparzellen Weizen und Raps entwickeln. Im Ortsteil Strenzfeld, schon zu DDR-Zeiten Standort eines Agrarforschungszentrums und der Hochschule für Land- und Nahrungsgüterwirtschaft, hatte die Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 2010 ihr International...

ndPlusJörg Fischer, Saarbrücken

Leben im Herzen Europas

Das Saarland liegt ebenso wie Luxemburg im Herzen einer Großregion. Hier ist Europa für viele Menschen in vielerlei Hinsicht selbstverständlich geworden.

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ndPlusNada Weigelt

Der neue Friedrichstadt-Palast wird 30

An diesem Sonntag feiert das neue Haus des Friedrichstadt-Palastes am Berliner »Broadway« Friedrichstraße seinen 30. Geburtstag. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gehört als Hausherr schon von Amts wegen zu den ersten Gratulanten: »Der Friedrichstadt-Palast ist ein einzigartiges Markenzeichen der Unterhaltungsmetropole Berlin, ein wunderbares Revue-Theater, das seinesgleichen su...

Sehnsucht nach Weihnachten

Ob Riesenrad- oder Losbuden-Betreiber - Schausteller erleben schwierige Zeiten. Immer mehr Volksfeste verschwinden und von Jahr zu Jahr besuchen weniger Menschen die Rummelplätze.

ndPlusAlice Bachmann, Bremen

Bremens Polizei nicht zu schocken

Nachdem kürzlich ein SEK-Beamter der Bremer Polizei einen Suizid-Gefährdeten mit einem Schuss aus seiner Elektroschockwaffe »retten« wollte, sich aber vergriff und den Mann mit einem richtigen Pistolenschuss lebensgefährlich verletzte, kochte in der Hansestadt die Diskussion um diese »Taser« wieder hoch. Elektroschockwaffen kommen mittlerweile weltweit zum Einsatz. Amnesty International ächtet ...

ndPlusChristian Jung, Heidelberg

Rendezvous mit dem Notarzt

Das bundesdeutsche Rettungswesen, so wie es heute strukturiert ist, gibt es erst seit 50 Jahren. Die Idee entstand 1964 in Heidelberg: Seither fahren Rettungswagen und Notarzt getrennt zum Unfallort.

Volkmar Draeger

Zuckerberg und Zauberberg, Eurythmics und Eurythmie

Bei ihnen ist vieles ungewöhnlich. Nicht bloß, dass Wiebke Eymess, Autorin von Kurzgeschichten, davor Journalistin und Fremdsprachenkorrespondentin, und Friedolin Müller Kabarett machen.

Felix Koltermann

Der forensische Blick auf die Welt

Satellitenbilder, animierte Karten, Grafiken und Schaubilder: Dies sind die zentralen Elemente der Ausstellung »Forensis - The Architecture of Public Truth«, die zurzeit im Haus der Kulturen der Welt (HKW) zu sehen ist. Kuratiert von Anselm Franke vom HKW und dem israelischen Architekten Eyal Weizman, versammelt sie die Ergebnisse eines am Londoner Goldsmiths College angesiedelten mehrjährigen ...

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Gabi Oertel

Sieben Tage, sieben Nächte

Bisweilen machen wir Journalisten uns - vornehmlich um Feste wie Weihnachten oder Ostern - Sorgen wegen drohender innenpolitischer Themenarmut. Eine Nachrichtenflaute aus dem Ausland gibt es ja seit Jahrzehnten nicht, weil irgendwo immer gebombt, gemordet, gestritten wird. Aber im kuscheligen Deutschland, das seine Hände zwar bei vielen Krisen auf Erden irgendwie im Spiel hat, ist an christlich...

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ndPlusAntonín Dick

Das Dreigestirn

Die deutsch-jüdische Schriftstellerfreundschaft zwischen Peter Huchel, Hans Arno Joachim und Alfred Kantorowicz beginnt Mitte der 1920er Jahre in Freiburg. Ein paar Jahre später,die drei sind etwa 30 Jahre alt, mieten sie sich in Berlin eine gemeinsame Wohnung – zwischen der Volksbühne, dem Avantgardekino Babylon und der KPD-Parteizentrale.

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Rubin Carter

7300 Tage seines Lebens habe man ihm gestohlen, und doch sei er die pure Liebe gewesen. Mit diesen Worten würdigte Hollywood-Star Denzel Washington den einstigen schwarzen Profiboxer Rubin »Hurricane« Carter, der im Alter von 76 Jahren in Toronto an Krebs verstorben ist. Sein Fall war einer der größten Justizskandale in den USA. Carter wurde 1966 von einer ausschließlich aus Weißen bestehenden ...

Michael C. Ruppert

Seinen wohl größten Auftritt hatte der damalige Drogenfahnder und spätere prominente Verschwörungstheoretiker Michael C. Ruppert am 15. November 1996. Im Beisein des damaligen CIA-Direktors John Deutch thematisierten Bürger bei einem Stadtteil-Treffen in Los Angeles die verheerenden Folgen, die das damals auffällig reine und billige Koks und Crack für die Nachbarschaft hatten. Da wendete sich R...

»Die Paradoxie des Rechts«

Als ich das Büro des Berliner Rechtsanwalts Wolfgang Kaleck betrete, bittet er mich, noch einen kleinen Moment draußen zu warten: Er müsse noch schnell etwas am Computer erledigen. In der lichtdurchfluteten obersten Etage eines Gewerbehofes in Berlin-Kreuzberg, in der sich heute die Büros des European Center for Constitutional und Human Rights (ECCHR) befinden, fallen mir zwei Dinge auf und ein...

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»Es geht nur gewaltlos«

Seine Mutter Maureen, indischer Herkunft, gehörte zu den starken Frauen Südafrikas, denen Rommel Roberts sein Erinnerungsbuch an den Kampf gegen die Apartheid vor allem widmet: »Wie wir für die Freiheit kämpften. Von stillen Heldinnen und Helden in Südafrika« (Lokwort, 224 S., br., 19,90 €). Der Aktivist und Quäker (Society of Friends), 1949 in Durban geboren und in Mafeking aufgewachsen, besuchte die High School in Kapstadt. Nach dem Studium der Theologie leistete er Gemeindearbeit in verschiedenen Townships, oft an der Seite des Erzbischofs Desmond Tutu, dessen Sekretär für Entwicklung er schließlich wurde. Roberts Aufgabe war es zudem, Geld für den nationalen Befreiungskampf im In- wie auch im Ausland zu sammeln. Derzeit lebt er mit seiner Frau Robin im Dorf Hanover in der Nähe von King Williams Town am Kap, wo er viele soziale Projekte betreut. Mit Rommel Roberts sprach in Berlin Karlen Vesper.

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ndPlusHans-Dieter Schütt

Falltüren ins Weltall der Ängste

Wir sind Rasende. Voran, voran. Weiter, weiter. Fortwährend verlieren wir irgend eine Unschuld und nennen das: Entwicklung. Die größte Kraft, etwa der politischen Gesinnungen, ist deren Verlautbarungskraft. Als sei das Ausrufezeichen hinter der Phrase bereits die Tat. Und immer stehen alle propagierten Zeichen auf dringlicher Veränderung. Der Verhältnisse. Des Menschen. Der Welt. Schönster Brec...

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ndPlusJulian Bartosz

Geheiligtes Polen

An diesem Wochenende hat Polen mehrere Hunderttausend Einwohner weniger. Sie alle sind gen Süden gezogen, nach Rom. Da wird »unser« Heiliger Vater noch heiliger. Zur Heiligsprechung Karol Wojtylas erscheint selbstverständlich Polens gesamte politische Elite. Staatspräsident Bronislaw Komorowski hat seine Vorgänger Lech Walesa und Aleksander Kwasniewski, den Senatspräsidenten Boguslaw Boru...

Ingolf Bossenz

Mythos, Rausch und Reaktion

Zugegeben: Die Hauptüberschrift ist geklaut. Aber sie passt hervorragend. Außerdem: Angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche vom Ablass bis zum Zeremoniell so gut wie alles geklaut hat, dürfte es sich um eine eher lässliche Sünde handeln. Dass diese Organisation nichts Originäres hervor und zustande gebracht hat, ist heute eine Binsenwahrheit, die in Form der Werke von Kennern bibli...

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Folge 20: Bologna-Reform, die; Substantiv, feminin

»Bologna-Reform« ist die Kurzform des bislang umfangreichsten Reformprozesses europäischer Hochschulen. Die Bezeichnung geht zurück auf die italienische Universitätsstadt Bologna, in der 1999 Bildungsminister aus 29 europäischen Ländern einen Vertrag zur Vereinheitlichung des Studiensystems unterzeichneten. Bis 2010 sollten angesichts zunehmender Globalisierung und Verwissenschaftlichung der Ge...

Neoliberaler Zeitgeist

So scharf wie Dieter Lenzen heute mit der Bologna-Reform ins Gericht geht, so engagiert war er 1999, als sie auf den Weg gebracht wurde. Dass er heute meint, die Briten hätten einen damals »über den Tisch gezogen«, ist daher verwunderlich.

ndPlusLena Tietgen

Selbststudium als Modell der Zukunft?

Ben Paul brach sein Studium an einer Privatuniversität ab, um im Selbststudium zu lernen. Mit Hilfe seines Blogs www.anti.uni.com und den Worten »Bist Du auch nicht richtig happy mit Deinem Studium?« sucht er Studierende, die ihm folgen. Nach Suggestivfragen wie »Du willst Deinen eigenen Weg gehen, anstatt das zu tun, was Deine Eltern von Dir erwarten? Du willst wissen, wie Du außerhalb der Uni...

Täuschung der jungen Generation

Herr Lenzen, Ihr Sohn hat nach einer VWL-Klausur neun leere Schachteln Ritalin im Papierkorb gefunden. Ist ein Überleben im deutschen Unialltag nur mit konzentrationssteigernden Mitteln möglich? Ob das für alle Fächer gilt, kann ich nicht sagen. Aber es ist schon typisch für solche Massenfächer, bei denen auf Klausuren alles ankommt. Viele junge Menschen setzen sich selbst unter Druck und ver...

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Gerd Fesser

Aufschrei der Empörung

Nationale bzw. nationalistische Streitigkeiten um Territorien sind kein Phänomen unserer Tage wie ein Blick zurück in die Geschichte zeigt. Vor 150 Jahren kam ein Dauerbrenner der damaligen europäischen Politik wieder in Gang: die Schleswig-Holstein-Frage. Der staatsrechtliche Status der beiden Herzogtümer war kompliziert: sie gehörten beide dem Deutschen Bund an, doch gleichzeitig war der Köni...

ndPlusHelmut Müller-Enbergs

»Ich bin Bürger der DDR. Respektieren Sie das!«

Bonn, 24. April 1974, um 6 Uhr morgens. Es klingelt bei der Familie Guillaume. Der Summer lässt die Haustür aufspringen. Wenige Minuten später fällt ein Satz, der nicht nur die rheinische Provinzstadt aufschreckt: »Ich bitte Sie! Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier - respektieren Sie das!« Bewaffnet mit Puschen und Morgenmantel schleudert Günter Guillaume diese Worte den Männern entgegen, d...

Martin Meier

Das ganze Feld war gelb

Die Wirkungen des geglückten Gasangriffes sind grauenhaft ... Die Toten liegen alle mit geballten Fäusten auf dem Rücken. Das ganze Feld ist gelb. Es heißt, dass Ypern fallen müsse. Man sieht es brennen - nicht ohne Bedauern für die schöne Stadt.«

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Stirb jung, aber so spät wie möglich (1)
ndPlusReinhard Renneberg , Hongkong, und JoJo Tricolor, Cherville

Stirb jung, aber so spät wie möglich (1)

Gerade wird in Hongkong das Rentenalter für Regierungsangestellte von 60 auf 65 Jahre angehoben. Der Grund? Die Lebenszeit der Bevölkerung steigt und gleichzeitig fehlt es zunehmend an Arbeitskräften - und das in China! Die Stadtregierung knüpft da an althergebrachte asiatische Tradition an und möchte die Erfahrungen der Älteren besser nutzen. Anfang April gab es eine übervolle Diskussion...

Martin Koch

Dünne Luft auf dem Mars

Heute ist der Mars ein trockener Wüstenplanet, auf dessen Oberfläche sich aus physikalischen Gründen kein flüssiges Wasser ansammeln kann. Denn bei Temperaturen von durchschnittlich minus 55 °C und einem Atmosphärendruck von sechs Millibar würde Wasser rasch gefrieren und sublimieren, sprich in den gasförmigen Aggregatzustand übergehen. Wie die Daten der bisherigen Marsmissionen jedoch na...

ndPlusHanno Böck

Pharmastudien in den Schubladen der Industrie

Es ist der Schlusspunkt einer jahrelangen Auseinandersetzung um Studiendaten und Transparenz in der Medizin. Nach heftiger Kritik über viele Jahre erlaubte der Pharma-Konzern Roche im letzten Jahr Forschern der Cochrane Collaboration Einblick in alle Studiendaten zum Grippemittel Tamiflu. Roche hatte sich jahrelang dagegen gewehrt und die Forscher mit teilweise abstrusen Ausreden hingehalten. ...

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Genkarte der Schwachstellen

Tausende Menschen erkranken jedes Jahr neu an der Schlafkrankheit, eine Impfung existiert nicht, Medikamente haben schwere Nebenwirkungen. In jahrelanger Arbeit haben Forscher nun das Erbgut der Tsetsefliege (Glossina morsitans morsitans) entschlüsselt, die den gefährlichen Erreger überträgt. Sie hoffen, dass sich aus den Erkenntnissen neue Ansätze zur Bekämpfung der Schlafkrankheit entwickeln ...

Y-Chromosom doch kein Auslaufmodell

Das männliche Geschlecht kann genetisch auf eine erfolgreiche Zukunft hoffen: Das Y-Chromosom, das im Erbgut einen Mann kennzeichnet, ist stabiler als bislang angenommen. Ein Vergleich verschiedener Tierarten zeige, dass eine Reihe von Genen auf dem Y-Chromosom viele Millionen Jahre überlebt hat, berichten Forscher im Fachjournal »Nature« (Bd. 508, S. 488 & 494). Die Gene hätten nicht nur m...

ndPlusKnut Henkel

Wie sich Waldschutz lohnt

Die Motorsäge heult auf, und schnell frisst sich das Sägeblatt in den rötlichen Stamm des Balatabaums. »Das Holz gehört zum Besten aus dem brasilianischen Regenwald, ist aber in Europa noch nicht so bekannt wie in Brasilien«, erklärt João Cruz. Der Mann von Anfang Fünfzig ist der Chef des Sägewerks von Precious Woods in Itacoatiara. Die Provinzstadt liegt mitten im brasilianischen Regenwald, ru...

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ndPlusCarlos García Hernández

Schach mit Carlos García Hernández

Vor ein paar Jahren gab Sergei Karjakin (24) seine ukrainische Staatsangehörigkeit auf und bekam einen russischen Pass. Im Spitzenschach sind solche Wechsel nicht ungewöhnlich. So füllen viele Schachspieler der Ex-Sowjetunion westliche Nationalmannschaften auf. Der jüngste Legionär im deutschen Spitzenschach ist der Rumäne Liviu-Dieter Nisipeanu (37). Er wird jetzt in der deutschen Nationalmann...

ndPlusMonika Salz

Mit Volldampf

Eisenbahnspiele sind bei Vielspielern sehr beliebt. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich auch Russian Railroads an erfahrene Spieler richtet, die komplexe Spielmechanismen zu schätzen wissen und sich nicht vor einem 24-seitigen Regelheft sowie einer Spieldauer von zwei bis drei Stunden fürchten. Bei Russian Railroads greifen verschiedene Mechanismen und Spielideen ineinander. D...

Mike Mlynar

Wie die Stunde so schlägt

Dieser Tage werden die letzten Ostereier verputzt. Das Fest ist vorbei. Zumindest das weltliche. Das kirchliche im engeren Sinne auch, doch die Osterzeit insgesamt geht ja bekanntlich noch bis Pfingsten. Dieses ist zivil-bürgerlich ohne größere Bedeutung. Bert Brecht hat das einmal mit diesem schönen Kinderreim auf den Punkt gebracht: »Pfingsten sind die Geschenke am geringsten, während Ostern ...

Kollektiv gewinnt

Die Legenden von Andor, das klingt geheimnisvoll und etwas mystisch, nach einem fremden Ort in einer anderen Zeit. Andor ist ein fiktives Land aus dem Bereich der Fantasy. Mit der Burg des Königs Brandur als letzter Zuflucht gegen die Kreaturen der Nacht. Die Spieler sollen versuchen, die drohende Katastrophe abzuwehren, und nehmen verschiedene Identitäten an, verwandeln sich am Brett in die ...

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ndPlusHeidi Diehl

Wann kommt Ihre Geschichte?

»Das Leben ist eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was man bekommt.« Dieser legendäre Satz aus dem Filmklassiker »Forrest Gump« trifft auch den Kern der Geschichten, die uns bislang zum 12. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb erreichten: Schöne, traurige, lustige, erschreckende. Wie auch immer, jede erzählt von dem Tag, der das Leben veränderte. Wie die nebenstehende von Heidi Huß, deren Tochter a...

Heidi Huß, Chemnitz

Gefährliches Halbwissen

Ein Brief ist von dir gekommen. Aus Moskau. Datiert vom 28. April 1986. Und wir spüren deine Freude auf die bevorstehende Exkursion. In der Nacht vom 9. zum 10. Mai hin und in der darauffolgenden wieder zurück. Typisch Studenten! »Kiew ist sicher eine zu große Stadt, um an einem Tag besichtigt zu werden«, schreibst du. »Und hoffentlich haben wir gutes Wetter. Da könnte man ja schon einmal...

Heidi Diehl

Wandern im Eis und schlafen wie im Himmel

Mancher mag ja meinen, dass hier die Welt zu Ende sei. Doch die Leute aus dem Stubaital selbst sind überzeugt davon, am Nabel der Welt zu leben. Kein schöneres Fleckchen Erde können sie sich vorstellen. Und wenn sie erklären sollen, wo genau sich ihr Paradies befindet, dann klingt das etwa so: Insbruck liegt ganz nah dran, und die Brennerautobahn wurde nur deshalb gebaut, um von Deutschland, Ös...

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ndPlusHeidi Diehl

«Ich war wie eine Laborratte»

In meiner Kindheit war die Welt klar geteilt - in Weiße, die klug, gut, ehrlich und meinesgleichen sind, und in Schwarze, die von Natur aus dumm, faul und potenzielle Verbrecher sind. Ich wuchs als Rassist auf und dachte, das ist normal.«

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Hendrik Lasch

Ohne hinzusehen

Er kann nicht hinschauen. Die Kanüle steckt in der Ellenbeuge, das Blut läuft in den Plastikbeutel, der sanft auf einer Art Wippe geschaukelt wird, und Lothar Hentschel öffnet und schließt routiniert die Faust, um den Blutstrom zu beschleunigen. Den Blick aber hält er eisern abgewendet. »Vor Spritzen habe ich Schiss«, gesteht der 71-Jährige. »Und Blut?«, fügt er hinzu, »Blut kann ich schon glei...