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Verurteilung wegen Paragraf 219a

Gießen. Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche muss die Ärztin Kristina Hänel aus Gießen 6000 Euro Geldstrafe zahlen. Das Amtsgericht der hessischen Stadt verurteilte die Medizinerin am Freitag. »Der Gesetzgeber möchte nicht, dass über den Schwangerschaftsabbruch in der Öffentlichkeit diskutiert wird, als sei es eine normale Sache«, begründete die Vorsitzende Richterin das Urteil. ...

Lederer zieht eine positive Bilanz

Berlin. Senats-Vizechef Klaus Lederer (LINKE) zieht nach einem Jahr Rot-Rot-Grün in Berlin eine positive Bilanz. »Nach den Feuerwehrarbeiten des ersten Jahres müssen wir nun die konzeptionellen Fragen anpacken«, sagte Lederer, der auch das Kultur- und Europaressort verantwortet. Die Menschen erwarteten konkrete Lösungen für konkrete Probleme. Im Gespräch mit »nd« verwies Lederer unter anderem auf ...

Unten links

Die Verbindungen zwischen Mensch und Tier, so ist eindeutig festzustellen, werden immer inniger. Hund Max freut sich mit, wenn neue Familienmitglieder annonciert werden; Pfötchenspuren unter Todesanzeigen beweisen die Anteilnahme des Vierbeiners, wenn Herrchen verstorben ist. Vielerorts müssen sich Mensch und Miezekatze im Tode nicht mehr trennen - zuletzt erlaubte die Stadt Jena die gemeinsame Be...

Über 200 Tote bei Anschlag auf Sinai

Kairo. Nach einem Anschlag auf eine Moschee im Norden der ägyptischen Sinai-Halbinsel erhöhte sich die Zahl der Todesopfer im Laufe des Freitags nach Angaben des staatlichen Fernsehens auf mindestens 235; mindestens weitere 109 Menschen sollen verletzt worden sein. Das Gesundheitsministerium hatte zunächst von 75 Verletzten gesprochen. Wie es aus lokalen Sicherheitskreisen hieß, legten Angreifer z...

Florian Haenes

Zug ohne Schulz

Fünf Tage nach Scheitern der Jamaika-Sondierung ringt sich die SPD durch, ein Bündnis mit der CDU nicht mehr auszuschließen. Sei die Einsicht richtig oder falsch, sie gelingt der Sozialdemokratie nicht, ohne ihren Vorsitzenden Martin Schulz als verzagten Parteichef zu düpieren, der sich ein Machtwort nicht zutraut. Das Wort von Schulz kann nicht mehr ernst genommen werden. Er hat am Montag im...

Gewalt mit System

Berlin. Viele halten es schon für reichlich suspekt, wenn im Zuge einer Debatte wie der unter dem Stichwort MeToo gleich ein paar Dutzend Prominente auf einmal der Vergewaltigung oder des Missbrauchs beschuldigt werden. So viele Männer sollen böse sein? Auch im Sport? Und sogar in der Politik?Dabei sind die Zahlen bekannt, und sie sind dramatisch. Auch hierzulande. Alle drei Minuten wird in Deutsc...

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Klaus Joachim Herrmann

Nicht nur drüber reden

Dialog und Partnerschaft klingen nach einer guten Sache. Aber über etwas zu reden, heißt für manche auch nur, dem Gegenüber kräftig um die Ohren zu hauen, was einem an ihm alles nicht passt. Und wenn den einen Partnerschaft alles Lob wert ist, kann diese anderen durchaus zu Missfallen und Misstrauen gereichen. Eben dafür lassen sich beim deutsch-russischen Petersburger Dialog und der Östlichen Par...

Tobias Riegel

Alles neu! Aber wie?

»Neuanfang« klingt immer gut. Insofern können sich die 79 prominenten Unterzeichner einer Erklärung zur geforderten »Neuausrichtung« und »Entschlackung« des Berliner Filmfestivals Berlinale spontaner Sympathiebekundungen sicher sein. Doch dann sollte das Grübeln einsetzen. Die aus fünf dürren Sätzen bestehende Erklärung möchte das Festival aus den Angeln heben, bleibt dabei aber merkwürdig unkonkr...

Gabriele Oertel

Narr oder Narziss

Zugegeben, Horst Seehofer hat es doch noch einmal hinbekommen, für sich noch ein paar Tage mehr im Doppelamt herauszuschinden. Doch wie muss es um einen Mann bestellt sein, der aus Angst vor politischem Bedeutungsverlust zwei CSU-Ehrenvorsitzende und eine couragierte Landtagspräsidentin aufbieten muss, um eine weitere Galgenfrist bis zum - vermutlich nur teilweisen - Machtverzicht zu erflehen? Ist...

Robert D. Meyer

Rehabilitierter

Vor über einem Jahr schloss die AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag Wolfgang Gedon nach Bekanntwerden antisemitischer Pamphlete aus ihren Reihen aus. Ein Parteiauschluss erfolgte aber nie. Nun gibt es eine Hintertür für seine Rückkehr.

Leo Fischer

SPD

Ein Gespenst geht um in der SPD – das Gespenst des Gerhard Schröder. Sein politisches Erbe ist das größte und zugleich das ganze Problem der Sozialdemokratie. Noch heute zwingt dieses Gespenst die SPD quasi in den Selbstmord.

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Solidarität mit linkem Journalismus

Wir bedanken uns bei unseren Leserinnen und Lesern für Ihre Unterstützung. Denn uns ist klar: Ihre Solidarität ist eine in doppeltem Sinne: mit uns als Zeitung und mit denen, die in der Öffentlichkeit nur selten eine Stimme bekommen.

Jamaika-Nachwehen

Standard, Österreich Keine Wellnessdemokratie Dass Merkel selbst lieber Neuwahlen möchte, verwundert nicht. Sie mochte ihre Große Koalition, sie mag den Konsens, weniger gern stellt sie sich Auseinandersetzungen. Wer Chef einer Minderheitsregierung ist, kann eine derartige Wellnessdemokratie natürlich nicht buchen. Der begibt sich vielmehr in ein hartes Bundestagscamp, und der muss für j...

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Martin Kröger

Rot-Rot-Grün in Berlin will Ängste nehmen

Ein Jahr Rot-Rot-Grün in der Hauptstadt: Klaus Lederer über den Aufstieg der AfD, Berliner Mietpreise, Videoüberwachung und soziale Maßstäbe im Kulturbereich.

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Olaf Standke

Kein Brexit ohne Zugeständnis

Es war ein Treffen am Rande des EU-Gipfel zur sogenannten Ostpartnerschaft mit sechs früheren Sowjetrepubliken am Freitag in Brüssel. Um ein Randthema aber ging es bei dem Gespräch zwischen der britischen Premierministerin Theresa May und EU-Ratspräsident Donald Tusk keineswegs. Das bekamen selbst die Partnerstaaten aus dem Osten des Kontinents zu spüren, wurde ihnen eine EU-Beitrittsperspektive d...

Susan Njanji, Harare

Mnangagwa als neuer Präsident vereidigt

Simbabwe mit neuem Staatschef: Muhabe-Nachfolger Emmerson Mnangagwa legte am Freitag vor Zehntausenden jubelnden Menschen in Harare den Amtseid ab.

David Graaff, Medellín

Kolumbiens Friedensprozess stockt

Ein Jahr nach Abschluss des Friedensvertrags zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla wird nicht nur von der FARC die schleppende Umsetzung des Abkommens beklagt.

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Östliche Partner bleiben draußen

Überschattet von den Brexit-Verhandlungen tagte der EU-Gipfel zur Östlichen Partnerschaft. In Berlin beriet der deutsch-russische Petersburger Dialog.

Hendrik Lasch, Leipzig

Rechtes Familientreffen

Zum dritten Mal lädt das Magazins »Compact« zu einer Konferenz nach Leipzig. Ziel ist die Stärkung der Bande zwischen AfD, Pegida & Co. Ein Bündnis will die Veranstaltung indes stören.

Ralf Klingsieck, Paris

Mélenchon will die Jugend mobilisieren

Die noch junge Bewegung des französischen Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon, La France insoumise, kommt am Wochenende zu ihrer ersten Jahrestagung zusammen. Dabei auch Thema: der Umgang mit Macrons Reformprogramm.

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Steffen Twardowski

Eine Neuwahl allein ändert nichts

Nach dem Jamaika-Aus steht auch eine Neuwahl des Bundestags zur Debatte. Die Wählerinnen und Wähler sind davon wenig begeistert - und wünschen sich vor allem, dass ihre Alltagssorgen im Mittelpunkt der Politik stehen.

Aert van Riel

Jamaika ist uns erspart geblieben

Canan Bayram hat sich von Beginn an gegen eine Jamaika-Koalition ausgesprochen. Nun berichtet sie von Erleichterung in ihrer Partei. Ihrer Ansicht nach werden die Grünen weiter um ihre Eigenständigkeit kämpfen.

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ndPlusRalf Klingsieck, Paris

Mit dem Taxi ohne Fahrer durch Paris

250 000 Euro soll Europas erstes völlig autonom fahrendes Taxi kosten. Der Hersteller Navya hofft auf Interesse bei französischen Nahverkehrsunternehmen - die könnten sich ja den Fahrerlohn sparen.

Sebastian Bähr

Zahltag für Amazon

Beschäftigte, Unterstützer und linksradikale Gruppen haben in mehreren Städten gegen den US-Onlinehändler protestiert.

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Neuanfang für Berlinale gefordert

Führende Filmemacher fordern einen Neuanfang für die Berlinale. In einer Erklärung verlangen 79 Regisseurinnen und Regisseure, »das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken«.Zu den Unterzeichnern gehören Maren Ade, Fatih Akin, Doris Dörrie, Andreas Dresen, Dominik Graf, Barbara Klemm, Caroline Link, Christian Petzold, Rosa von Praunheim, Edgar Reitz, Volker Schlöndorff, Hans-Christi...

Asymmetrisches Gedenken

In der Ausgabe der »FAZ« vom 23. November dieses Jahres veröffentlichten Aufsichtsrat, Vorstand und Belegschaft der Daimler AG, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) großflächige Anzeigen. Sie erinnerten an die Ermordung von Bahide und Yeliz Arslan sowie Ayse Yilmaz. Die damals 51-jährige Bahi...

Sebastian Bähr

Das Stelen-Spektakel

Der Plan des Zentrums für Politische Schönheit ging auf. Die Errichtung einer Nachbildung des Holocaust-Mahnmals auf einem Nachbargrundstück des AfD-Poltikers Björn Höcke sorgt für mediales Aufsehen. Doch die Aktion ist auch kritisch zu sehen.

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Deutschtest bestanden

Die Generalintendantin des Theaters Magdeburg, Karen Stone, ist nun deutsche Staatsbürgerin. Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) überreichte der gebürtigen Britin am Freitag im Rathaus die Einbürgerungsurkunde. Die 65-Jährige begründete ihren Schritt mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU.Seit 2009 ist Stone Generalintendantin am Theater Magdeburg. Der Vertrag wurde im Frühjahr 2017 bis zum ...

Aula, Kirche, Konzertsaal

Kurz vor der Eröffnung des Paulinums in Leipzig haben Vertreter der Universität die künftige Nutzung des Neubaus skizziert. Der Nachfolgebau der 1968 gesprengten Universitätskirche solle zugleich Aula, Kirche und Heimat der Universitätsmusik werden, sagte die Rektorin Beate Schücking am Freitag. Am 1. Dezember wird der sakral anmutende Bau mit zwei Orgeln in Anwesenheit des scheidenden Ministerprä...

Ein Krokodil in Halle

Mit eindrucksvollen Funden dokumentiert die neue Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle den Klimawandel der letzten 63 Millionen Jahre aus erdgeschichtlicher und archäologischer Sicht. Die Sonderschau »Klimagewalten - Treibende Kraft der Evolution«, die am 30. November eröffnet wird, präsentiert auf rund 1000 Quadratmetern etwa 800 Exponate aus elf Ländern. Zeitgeschichtlicher Ausgang...

Hans-Dieter Schütt

Lob der Paradoxe

Er ist einer der klügsten Essayisten. Ist ein skeptischer Humanist, der seine Souveränität aus dem bezieht, was Albert Camus als »Voraussetzung für wahre Freiheit« bezeichnete: Geld. Ohne höheren Haufen Geld könne man sich mehr oder weniger unabhängig machen, aber nicht wirklich frei.Reemtsmas entscheidender Schritt war, sich die Freiheit zu nehmen, den familiären Erbteil am großen Zigaretten-Unte...

Jakob Hayner

Auch mit der Wahrheit lässt sich lügen

Welche Rolle kommt der Literatur im »postfaktischen Zeitalter« zu? Ist ausgerechnet die Fiktion die letzte Bastion der Wirklichkeit? Unter dem Titel »Fake und Fakt« diskutierten Schriftsteller und Journalisten in Berlin.

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Jörg Mebus und Thomas Weitekamp, Lausanne

Auch Russlands Fahnenträger ist nun gesperrt

Die Oswald-Kommission des IOC verhängt eine lebenslange Olympia-Sperre gegen den zweifachen Sotschi-Sieger Alexander Subkow - zwei Wochen vor der Strafverkündung im Staatsdopingskandal.

Alexander Ludewig

Füchse feiern einen schönen Handballtag

Nach der Pflichtaufgabe auf europäischem Parkett wollen sich die Füchse Berlin am Sonntag gegen Wetzlar wieder an die Spitze der Bundesliga werfen. Helfen soll dabei ein hochkarätiger Neuzugang.

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China-Projekt wird vorerst ausgesetzt

Frankfurt am Main. Der Tibet-Protest bringt das »China-Projekt« des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Regionalliga Südwest an den Rand des Scheiterns. Nach dem Eklat beim ersten Spiel der chinesischen U20-Nationalmannschaft beim TSV Schott Mainz werden die bis zur Winterpause geplanten Partien ausgesetzt - laut DFB zum Bedauern aller Beteiligten.»Wir erachten die Verschiebung für zwingend, den...

Oliver Kern

Wie makellos muss man sein?

Fehler sind erlaubt, nur müssen sie aufgearbeitet werden. Dann können Sporthelden auch in die Hall of Fame. So wollen es ihre Träger künftig halten. Ob Täve Schur die Ansprüche erfüllt, bleibt unklar.

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Marie Frank

Symbolpolitik reicht nicht

Neben konkreten Hilfsangeboten für Betroffene braucht es vor allem Strukturen, die solche Übergriffe in Zukunft verhindern. Klar ist: Dieses Problem kann nur gesamtgesellschaftlich gelöst werden.

Martin Kröger

LINKE diskutiert auf Parteitag über Schulbau

Gute Umfragewerte, mehr als 8000 Mitglieder und zumindest im Landesverband keine Personalquerelen. Die Berliner LINKE steht so gut da wie lange nicht. Inhaltlich gibt es aber durchaus Differenzen.

Marie Frank

Spuren der Gewalt

Bei der vertraulichen Spurensicherung erhalten Frauen medizinische Soforthilfe nach einer Vergewaltigung und eine rechtssichere Dokumentation der Tat. Doch nur die wenigsten zeigen ihre Peiniger an.

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Anna Ringle

Jüngster Rathauschef verzichtet

Bürgermeister Philipp Wesemann (SPD) ist krank. Die Stadtverordneten leiteten einen Bürgerentscheid zu seiner Abwahl ein. Am Freitag verzichtete Wesemann auf sein Amt.

Chaos und falsche Identitäten

Hunderttausende Flüchtlinge ließen sich 2015 in Deutschland registrieren. Die Behörden waren mit dem Ansturm völlig überfordert, sodass Betrüger freie Bahn hatten.

ndPlusRainer Balcerowiak

Selbstverwaltet statt kommunal

Die Privatisierung des Kreuzberger Filetgrundstücks scheint abgewendet. Doch die schnöde Übernahme des Dragonerareals durch städtische Wohnungsunternehmen ist nicht das Ziel der Initiativen.

Henry-Martin Klemt

Kein AfD-Bürgermeister in Lebus

Das Stadtparlament von Lebus war am Donnerstagabend nicht beschlussfähig. Im Februar möchte der AfD-Kommunalpolitiker Detlev Frye im dritten Anlauf versuchen, neues Stadtoberhaupt zu werden.

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Der Winter ist eingeplant

Gardelegen. Bis fast unter die Hallendecke hat die Straßenmeisterei Gardelegen Streusalz gebunkert. In ganz Sachsen-Anhalt wurden in den vergangenen Wochen 34 000 Tonnen eingelagert. Laut Landesverkehrsministerium ist das Land für den Winter gerüstet. 500 Mitarbeiter sowie 312 Räum- und Streufahrzeuge sollen die Landesstraßen in der Wintersaison von Schnee und Eis befreien. Bis auf die Ortsdurchfa...

Wenn es Kerosin regnet

Ludwigshafen. Wegen technischer Probleme hat erneut ein Flugzeug über Rheinland-Pfalz Dutzende Tonnen Kerosin abgelassen. Die Frachtmaschine der Airline Cargolux sei am 4. November auf dem Weg von Luxemburg nach Kuala Lumpur gewesen, als der Pilot ein Problem mit den Landeklappen gemeldet habe, sagte eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung im hessischen Langen. Er habe dann zwischen 12.50 Uhr ...

René Heilig

Scharfer Schuss bei Torgelow

Platzpatronen, wie peinlich! Jahrelang litten die Soldaten der Panzergrenadierbrigade 41 unter Minderwertigkeitsgefühlen. 2011 war ihr Truppenübungsplatz »Jägerbrück« in Vorpommern zu einem Standortübungsplatz herabgestuft worden. Das bedeutete, nur noch in der Gegend stationierte Soldaten durften mit Hurra-Gebrüll über die 10 000 Hektar Heideland rennen, robben, raufen. Richtig schießen war verbo...

Beim Spenden genau hinschauen

Trier. In der Adventszeit werben viele Organisationen um Spenden: Oft per Brief, von denen derzeit reichlich an die Haushalte gehen. Bei den Aufrufen sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen, sagte Sven Brauers von der landesweiten Spendenaufsicht bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier. Auch dann nicht, wenn kleine Geschenke wie Kettchen oder Tücher dabei seien - oder m...

Hendrik Lasch, Chemnitz

Zweifel erst nach der Ehrung

In Chemnitz wurde ein Chef der früheren Auto-Union geehrt. Dass der Konzern in seiner Amtszeit Tausende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter ausbeutete, sorgt erst im Nachhinein für Bedenken.

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Buchmesse

Fast 300 unabhängige Verlage stellen sich an diesem Wochenende, Samstag und Sonntag, auf der Messe »Buch Berlin« vor. Bei der im Estrel Congress & Messe Center (Sonnenallee 225, direkt am S-Bahnhof Sonnenallee) stattfindenden Veranstaltung präsentieren sie ihre aktuellen Programme und verkaufen die Bücher auch direkt am Stand. Für das Publikum gebe es laut den Veranstaltern Autoren »zum Anfassen«....

Küchenbauer am Ende

Pfullendorf. Nach dem angekündigten Aus für den insolventen Küchenbauer Alno werden die Mitarbeiter bis Ende des Monats die Kündigung bekommen. Nur etwa 60 könnten vorerst bleiben, um spezielle Aufgaben bei der Abwicklung des Unternehmens zu übernehmen, teilte Insolvenzverwalter Martin Hörmann am Freitag nach einer Mitarbeiterversammlung am Sitz in Pfullendorf mit. Nachdem das Geld ausgegangen war...

Reform des Abiturs im Nordosten

Schwerin. Das Abitur in Mecklenburg-Vorpommern wird reformiert. Der Nordosten kehrt 2019 zum Prinzip der Grund- und Leistungskurse in der gymnasialen Oberstufe zurück, wie Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) in dieser Woche ankündigte. So könnten die Elft- und Zwölftklässler besser auf die Prüfungen vorbereitet werden.Das Land setze mit der Reform, die jährlich drei Millionen Euro koste, Vorgabe...

Berlin feiert Rosa

Umtriebig war er schon immer, wie hätte er sonst über 150 Filme drehen können? Doch rund um seinen 75. Geburtstag an diesem Sonnabend steigert Regisseur und Schwulenaktivist Rosa von Praunheim seinen Aktionismus noch einmal: Mit »Überleben in Neukölln« ist gerade seine neue Doku über Berliner Überlebenskünstler angelaufen und mit »Wie wird man reich und berühmt?« sein neues Buch im Martin-Schmitz-...

»Selbstbeschäftigungs-Programm für die Verwaltung«

Der Greifswalder Wirtschaftsgeograf Helmut Klüter fordert eine Korrektur von Fehlern bei der Kreisgebietsreform in Mecklenburg-Vorpommern. »Die Kreisgebietsreform hat das wirtschaftliche Gefälle zwischen dem Osten und Westen des Landes Mecklenburg-Vorpommern vergrößert«, sagt Klüter. Innerhalb von sechs Jahren hätten sich für den östlichen Landesteil Wachstumsverluste von mindestens 4,15 Milliarde...

ndPlusA. Cäcilie Bachmann, Bremen

Bremer Budenzauber im Reich der Mitte

Im kommenden Jahr soll es in Bremens chinesischer Partnerstadt Dalian einen »Bremen Markt« mit Losbuden und Bratwurst geben. Das Projekt gilt als Teil einer Marketing-Offensive der Hansestadt.

Lucía Tirado

Worte auf Flügeln

Am Ende fliegen sie auf einem gefalteten Kranich los. Frei, miteinander verbunden suchen sie ihren Weg. Erst einmal gemeinsam. Mal sehen. Allerlei Abzweigungen zeigten Esther Agricola, Ossama »OzOz« Helmy und Jens Mondalski vorher mit Herz im gut einstündigen Spielverlauf von »Faltet eure Welt«. Das Grips-Theater brachte die Uraufführung der Ensembleproduktion in Koproduktion mit Suite42 und dem A...

Martina Rathke, Greifswald

Wo die Jugend so um die 50 ist

In Zudar auf Rügen gingen die Jungen, die Alten blieben. Die Einwohnerzahl schrumpft wie in vielen kleinen Orten. Die Zentralisierung durch die Kreisreform hat die Lage noch komplizierter gemacht.

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Regina Stötzel

Mit unabsehbaren Folgen

Christian steckt seit geraumer Zeit in der virtuellen Realität namens Parteipolitik fest. Daraus wird er wohl so schnell nicht mehr rauskommen. Das ist keine gute Nachricht. Nicht für ihn - und auch nicht für uns.

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ndPlusAndreas Boueke

»Es hat zu viele Tote gegeben«

Eine Angehörige des indigenen Volks im mittelamerikanischen Guatemala kämpfte gegen Gewalt und wurde selbst Opfer von Anschlägen. Dennoch engagiert sich die Frau weiter gegen Sexismus und Rassismus in ihrem Land.

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Nachrufe

Naim Süleymanoğlu 23. 1. 1967 - 18. 11. 2017 Als Gewichtheber Naim Süleymanoğlu 1982 den ersten seiner insgesamt 46 Weltrekorde aufstellte, trug er noch den Heberanzug der Volksrepublik Bulgarien. Auf der Anzeigetafel stand Naum Sulejmanow - jener Name, unter dem er als Angehöriger der türkischen Minderheit in Bulgarien zur Welt gekommen war. Im Zuge einer Bulgarisierungskampagne wurde e...

Rudolf Stumberger

Die Frau fürs Grobe

Bei Siemens werden weltweit etwa 7000 Arbeitsplätze vernichtet. Janina Kugel ist als Arbeitsdirektorin für den Abbau zuständig. Sie ist eine der wenigen Frauen in den Vorständen der DAX-Konzerne. Ein Porträt.

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ndPlusGuido Speckmann

Im Unbewussten gibt es keine Eigentumsschranken

»Ohne die Überwindung bestimmter Formen des Privateigentums kann es keine Überwindung des Kapitalismus geben.« Das sagt der Sozialpsychologe Gerhard Vinnai, der kürzlich das Buch »Die Tücken des Privateigentums veröffentlich hat.

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ndPlusAlfred Sobel

Vom Reiz der Selbstinszenierung

Johann Wolfgang von Goethe litt im März 1832 an einem fiebrigen Infekt, der sich schließlich zur Lungenentzündung entwickelte und den Greis ans Bett fesselte. Kurz darauf, am 22. März, starb der Dichter an einem Herzinfarkt. »Mehr Licht!« sollen nach Goethes Leibarzt Carl Vogel die letzten Worte des Dichterfürsten gewesen sein. »Mehr Licht« - waren das wirklich Goethes letzte Sterbenswörtchen? ...

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Till Mischko

Reklame für den nächsten Krieg

Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Roman von William Gibson: Einige US-Unternehmen, darunter die Bostoner Start-up-Firma Neurable, arbeiten an einer Technik, mit der Computer per Gedankenkraft gesteuert werden können. Elektroenzephalografie (EEG) heißt die Methode und kommt ursprünglich aus der neurologischen Forschung sowie der medizinischen Diagnostik. Neue Horizonte öffnet sie vor allem de...

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Entschleunigung

Entschleunigung. Der Begriff »Entschleunigung« gilt als Neologismus, den der Psychologe und Autor Jürgen vom Scheidt für sich proklamiert. 1979 habe er den Begriff erstmals in seinem Buch »Singles - Alleinsein als Chance« platziert und dann weiter ausgebaut. Später wurde der Begriff von anderen aufgegriffen und weiterverwendet, wie beispielsweise 1995 vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Ener...

Lob des Müßiggangs

Beschleunigung, einst das Zauberwort technologischer Innovation, kehrt sich in sein Gegenteil. In dem Maße, wie die Arbeit vom Computer abgenommen wird, in dem Maße verdichtet sich der Alltag. Betraf dies erst die Arbeitswelt, erfasste es mittlerweile Studierende, Schüler und sogar die Kleinen. Stichwort Bologna-Prozess, Turbo-Abi und Chinesisch in der Krippe. Die jährliche Berichterstattung über ...

Nicht aller Laster Anfang

1932 hat der walisische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell (1872-1970) die denkwürdige Schrift »Lob des Müßiggangs« herausgebracht. In dieser bezeichnet er die Arbeitsethik der Industrieländer von der Technik als überholt (think-ordo.de).Dem Zeitgeist entsprechend, war die Schrift visionär. Dank dem technischen Fortschritt könne man die »notwendigen Dinge des Lebens« innerhalb eines Vier-...

Maria Jordan

Ein Hoch auf die Dauerstudenten

Die Lebenserwartung in westlichen Ländern steigt dank des wissenschaftlichen Fortschritts stetig weiter in die Höhe. Sogar die Unsterblichkeit ist wieder im Gespräch. Doch obwohl das Leben länger wird, verstärkt sich seit Jahren in der Gesellschaft das Gefühl, weniger Zeit zu haben. Alles muss immer schneller gehen, Lebensziele müssen immer früher erreicht werden. Diesen Zeitdruck bekommt dan...

Seite 25
Martin Koch

Evolution im Zeitraffer

Vögel spielten in der Geschichte der Evolutionstheorie von Anfang an eine wichtige Rolle. Beinahe legendär geworden sind die sogenannten Darwinfinken, von denen heute 13 Arten auf den Galápagos-Inseln im östlichen Pazifik leben, etwa 1000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt. Die etwa 20 Zentimeter großen Singvögel unterscheiden sich voneinander vor allem durch ihre Ernährungsgewohnhe...

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Leuchtendes Vorbild?

Kommunen, Unternehmen und Haushalte steigen auf LED-Beleuchtung um, um Energie und Geld zu sparen. Nur könnte die Einsparung verloren gehen, wenn das Geld für zusätzliche oder hellere Lampen ausgegeben wird. Für diesen sogenannten »Rebound-Effekt« liefert jetzt eine internationale Studie unter Leitung von Christopher Kyba vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) Belege: Sowohl die Intensität der k...

Reinhard Renneberg

Klonhund Snuppy starb hochbetagt

Am 24. April 2005 wurde der erste Klonhund am Seoul National University (SNU) College of Veterinary Medicine geboren. Sein Name »Snuppy« wurde aus SNU und »puppy« (engl.: Hündchen) zusammengebaut.Der Schöpfer des männlichen Afghanen Snuppy, der Südkoreaner Woo-Suk Hwang, hatte mit seinem Team seit August 2002 die nötigen Schritte entwickelt. Ich traf Hwang in Hongkong und fand ihn sympathisch. Er ...

Bernd Schröder

Versteckspiel am Vulkan

Das schweizerische Unternehmen Climeworks hat im Oktober 2017 auf der Hochebene Hellisheiði im Südwesten Islands eine Pilotanlage in Betrieb genommen, mit der Kohlendioxid direkt aus der Luft geholt und in unterirdische Gesteinsformationen verbracht werden soll. Auf dem Gelände des drittgrößten Geothermalkraftwerks der Welt am Fuße des Hengill-Vulkans installiert, fügt sich die neue Auffanganlage ...

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Wochen-Chronik

24. November 1977 Der Norweger Thor Heyerdahl startet mit einer 18-köpfigen Crew im Schilfrohrboot »Tigris« von Schatt El Arab in Irak zur Fahrt durch den Persischen Golf nach Dschibuti an der ostafrikanischen Küste. Er will beweisen, dass die Sumerer im 3. Jahrtausend v. u. Z. Kontakte mit anderen Kulturvölkern in den Küstenregionen des Indischen Ozeans pflegten. Bereits 1947 bewies er mit d...

⋌Rainer Holze

Peripherien

Die Zeitschrift mit dem sperrigen Titel »Arbeit - Bewegung - Geschichte« widmet sich lobenswerterweise diesmal »den Rändern der Revolution«, der Marginalisierung und Emanzipation im europäischen Revolutionszyklus ab 1917. »Es waren politisch, sozial und kulturell marginalisierte Gruppen, die ab 1917 vehement mit ihren Bedürfnissen und Forderungen die Bühne betraten«, begründen Axel Weipert und Fab...

Ralf Hutter

Von der Presse hofierter Nazi

Vermieden werden soll, durch schädliche Interviewteile ein abträgliches Bild von Herrn Speer zu vermitteln.« Diese vertragliche Zusicherung erhielt Albert Speer, einer der größten NS-Verbrecher, 1969 vom NDR. Dies ist aber nur ein Beispiel für den unkritischen Umgang bundesdeutscher Medien mit Hitlers oberstem Architekten und späteren Rüstungsminister. Bereits im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherpr...

ndPlusHeinz Odermann

Offene Wunde Palästina

Eine kleine Geschichte der Entstehung Israels und der Volksaufstände der Palästinenser. Eine entscheidender Punkt: die Verhandlungen zwischen Yitzhak Rabin und dem 2004 verstorbenen PLO-Präsidenten Jassir Arafat 1993 in Oslo.

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Hanne Walter

Geschenk mit Axt und Säge

Die letzten hundert Meter geht’s nur zu Fuß weiter. Hinein ins Dickicht, wo bedenklich windschiefe Stämme dringend gefällt oder bereits liegendes Holz endlich zerkleinert werden müssen. Der kleine Trupp künftiger Holzfäller macht sich dafür startklar. Am Ende sehen alle aus wie Außerirdische. Denn: Safety first! Also pellen sich die Eleven in schnittfeste Hosen, signalfarbene Jacken, derbe Hands...

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Michael Müller

Irgendwie albanisch

Selbst geübte Reisende neigen zu voreiligen, vor allem induktiven Schlüssen. Da stoßen sie in einem Ort auf mehrere junge Damen mit eckigen Sonnenbrillen und folgern flugs, dass die meisten Frauen in diesem Land solche irren Gestelle trügen. Da ist ein Polizist freundlich zu ihnen, und damit hat das Land eben freundliche Polizisten, oder - nach dem gleichen Schluss - griesgrämige Kellner, gut gepu...

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ndPlusFrank Klötgen

Auszug aus dem Slamparadies

Frank Klötgen ist einer der ersten deutschen Profi-Slampoeten. Ein Jahr reiste er um den Globus, bevor er dem Wettbewerbsleben den Rücken kehrte. Nach über 140 Auftritten landet er am Ende seiner Weltreise in Mumbai.

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Irmtraud Gutschke

Bilderzauber

Tagsüber leuchtet das Bild und lässt dich lächeln. Ungewöhnlich immerhin, dass ein Graffiti-Künstler Bücher malt. Nächtens aber hat es einen Zauber. Stell dir vor, dass alles dunkel und still um dich ist; nur diese Hausecke ist von einer Laterne beleuchtet. Da schau auf das Bild: Was weißt du von dir? Wie sollte ein Buch sein, das du lesen möchtest? Wie viel fremde Erfahrung kannst du an dich...

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Hans-Dieter Schütt

Das Hoffen ist der Himmel

Wer Gott aus der Kunst nähme, wäre unzweifelhaft deren Vernichter. Wer sagt, es gebe Gott nicht, hat ihn schon wieder geschaffen. Alles, was über Gott gesagt wird, ist gleich richtig und gleich falsch. Keiner vermag ihm zu entsprechen. Wir ergreifen darüber das Wort - um zu erfahren, dass es sich entzieht. • Die Erde spricht mit Gott. Gedichte. Hg. v. Hiltrud Herbst u. Doris Mendlewitsch. Da...

Klaus Bellin

Der Groll des Achilleus

Dieses Buch haben sich viele gewünscht, ohne zu wissen, ob sie es jemals in die Hand nehmen können. Vor zehn Jahren hat sich der Schweizer Kurt Steinmann, der zuvor schon ein paar lateinische und griechische Klassiker der Antike übersetzt hatte, an Homers »Odyssee« bewiesen, der wohl größten Herausforderung, der sich ein Altphilologe stellen kann. Der Band, nobel gedruckt und gestaltet, hat damals...

Martin Hatzius

Nachwende-Novellen

Als Reporter ist Alexander Osang ein - Meister seines Fachs? Das klingt nach einem, der die Schublade, in der sein Werkzeug liegt, mühelos aufzuziehen weiß. Wenn Osang aber auf Recherche und später ans Schreiben geht, öffnet er nicht lediglich einen Kasten, er öffnet gleichsam jede Pore seines Wahrnehmungsapparats. Sein Interesse an den Menschen geht weit darüber hinaus, was sie zu sagen haben. De...

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Werner Abel

»Der Ihre im Namen der Revolution«

Franz Jung nannte das Buch die »Mathematik eines Traums«, und Leo Trotzki schrieb 1938 an die Tochter Jack Londons: »Wenn man den Roman liest, traut man seinen Augen nicht: Es ist exakt das Bild des Faschismus, seiner Ökonomie, seiner Regierungstechnik, seiner politischen Psychologie, welches hier die kraftvolle Intuition des revolutionären Künstlers entwarf.« Was ist es, was die bis heute anhalte...

Irmtraud Gutschke

Wer bin ich für die anderen?

»Einem Hut nachlaufen«, wenn der Wind ihn erfasst: Man rennt hinterher, und der Hut macht sich davon, sobald man ihn zu greifen hofft. Lächerliches Schauspiel. Also zwinge dich lieber, Ruhe zu bewahren - lächle, während du dem Hut seelenruhig folgst, und nimm es hin, wenn er zerstört oder verloren ist. • James M. Barrie: Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam. Erzählungen. Hg., übers. u....

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Fokke Joel

Die großen Themen

Als Iwan Alexejewitsch Bunin 1953 im französischen Exil starb, war es für viele der Tod des letzten klassischen russischen Erzählers des 19. Jahrhunderts. Und obwohl Bunin 1933 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde er im deutschsprachigen Raum wie viele andere russische Exilautoren nur wenig gelesen. • Iwan Bunin: Ein Herr aus San Francisco. Erzählungen 1914/1915. A. d. Russ. v. Dorothea Tr...

Monika Melchert

Nach der Flucht - die Sehnsucht

Georgij, der achtjährige Sohn der Dichterin Marina Zwetajewa, ist erst im Exil geboren. Er kennt Russland nur aus den Erzählungen der Eltern, und doch fühlt das Kind, dass alles, was ihr Leben ausmacht, dort liegt und dass seine Mutter nur in Russland wieder Kraft zum Schreiben finden wird. Nach Revolution und blutigem Bürgerkrieg sind sie ins Ausland geflohen, weil Marinas Mann, Sergej Efron in d...

Gunnar Decker

Löwe trifft Maus

Der Untertitel des aus dem Amerikanischen übersetzten Buches lautet: »Die Geschichte einer Freundschaft«. Freundschaft unter Künstlern - gibt es das überhaupt? Vielleicht. Aber eine solche scheint immer besonderen Belastungen ausgesetzt. Jeder Künstler lebt unter der Glasglocke seines Werks, er hat gern Förderer und Unterstützer in Sachen Ruhm und Geld. Doch wehe, es entsteht der Verdacht, der and...

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Michael Hametner

Die Groteske braucht Futter

Was in diesem Roman geschieht, lässt sich rasch zusammenfassen: Ein altes Haus soll teuer saniert werden, die drei verbliebenen Mieter wehren sich. Sie sind »Die Letzten«. Ein Vorgang, den es da, wo Wohnbesitz Profit bringen soll, immer wieder gibt. Im Osten Deutschlands gab es ihn nach der Wende besonders oft, denn dort standen gleich straßenweise Häuser, die saniert werden mussten. • Madele...

Irmtraud Gutschke

Ich bin die Sonne im Garten

Ihm läuft der Rotz aus der Nase, doch »die Hühner applaudierten«, auch »der Staub wirbelte auf vor Begeisterung«. Und seine Augen hatten »das Himmelblau von wolkenlosen, nicht allzu heißen Sommertagen, an denen die Blumen, die Sträucher, das Gras noch nicht verdorrt sind ... Sein beharrliches Schweigen oder Nicht-Wegschauen deuteten die Erwachsenen als triumphierende und deshalb bewundernswerte St...

Christian Baron

»Sie delirieren ja!«

Das Buch ist schon mehr als zur Hälfte gelesen, da brüllt der Protagonist mitten im strömenden Starkregen nacheinander in mehreren Sprachen in den sichtversperrenden Dunst hinein: »Wo bist du?« Eine Antwort kann er nicht erhalten, zumal seine Sehnsucht nicht etwa einem Menschen gilt, sondern einem Ort. Es sind die 1870er Jahre, und Augusto R. Berns sucht El Dorado, die als verschollen geltende Gol...

Seite 38
Hans-Dieter Schütt

Guten Morgen! Also: Schöne Sätze!

Plötzlich ist die Welt, durch die du gehst, so ganz anders. Du siehst sie anders. Siehst etwa im erbarmungswürdigen Bettler einen wunderbaren Kaufkraftzersetzer. Hast nicht mehr nur Hirngespinste, sondern auch Herzgespinste. Wo Sprechblasen endlich zerplatzen, duftet es nach Parfümproben. Sieh doch, Beamte knüpfen ihre Krawatten tatsächlich zu Fluchtseilen. Lauter Fürsprechern begegnest du oder au...

Uli Gellermann

Ein Ikarus der Entrechteten

Ikarien - das wird in Uwe Timms gleichnamigem Buch nirgendwo formuliert, und doch klingt es nach dem Ikarus-Mythos: nach Dädalus und seinem Sohn Ikarus, der auf der Flucht in die Freiheit der Sonne zu nahe kam und abstürzte. Zwar leiht Timm sich den Titel seines jüngsten Romans aus der utopischen Erzählung des Frühsozialisten Étienne Cabet, «Voyage en Icarie», aber er wäre nicht Uwe Timm, wenn er ...

Seite 39
Jan Eik

Wie’s eben zugeht in Berlin

Mit den Amtsstuben von Mordkommissaren und ebenso mit den dortigen Querelen und Hahnenkämpfen ist heutzutage jeder Krimi-Konsument bestens vertraut. Wohl kaum eine Berufsgruppe samt professionellem und familiärem Umfeld erfreut sich einer so starken Präsenz im Fernsehen und der einschlägigen Literatur wie die Damen und Herren, deren Kollegen Kriminalisten in der DDR einst in der MUK tätig waren. ...

Britta Steinwachs

Er stolpert durch sein Dasein

Die Faszination für die Schaffung künstlichen Lebens beflügelt seit jeher Kunst und Wissenschaft. In ihrem berühmten Roman »Frankenstein« aus dem Jahr 1818 erzählt Mary Shelley die tragische Geschichte des Viktor Frankenstein, der es nach fieberhaften Experimenten tatsächlich schafft, einem aus Leichenteilen zusammengesetzten Wesen Leben einzuhauchen. • Michael Wildenhain: Das Singen der Sire...

Alfons Huckebrink

Vom Übermut des Lebens

»Warum er den Hörer abgenommen hatte, konnte er sich später nicht mehr erklären.« Nicht nur des vielversprechenden ersten Satzes wegen scheint der neue Roman von Franz Hohler in mancher Hinsicht wie aus der Zeit gefallen. • Franz Hohler: Das Päckchen. Roman. Luchterhand, 224 S., geb., 20 €. Ernst Stricker, Bibliothekar, steht vor einem Fernsprechapparat in der zugigen Unterführung des B...

Seite 40
Manfred Loimeier

Eingemauert

Jemand mit einer guten Geschichte ist beinahe schon ein König, schreibt der angolanische Autor José Eduardo Agualusa in seinem Roman »Eine allgemeine Theorie des Vergessens«. So gesehen, müsste er ein König sein, denn er erzählt eine sehr gute Geschichte - eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht. • José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens. A. d. Port. v....

Holger Teschke

Im Rausch der See

»Wir wollten in dem Wissen aufbrechen, dass wir für immer ein Teil der Cortez-See sein werden«, schreibt John Steinbeck zu Beginn seines »Logbuchs«, das 1941 unter dem Titel » The Sea of Cortez« in den USA erschien. Da war er schon als Autor der Romane »Von Mäusen und Menschen« und »Früchte des Zorns« zum ebenso gefeierten wie umstrittenen Chronisten der Großen Depression geworden. • John Ste...

Harald Loch

Vertrieben nach Mauritius

Mauritius: Da denkt man an die blaue Briefmarke, die zuletzt einen Auktionspreis von über einer Million Euro erzielte. Shenaz Patel wurde 1966 auf Mauritius geboren. Sie hat ihren Roman Charlesia, Raymonde und deren Sohn Désiré gewidmet, »die mir ihre Geschichte anvertraut haben« und jetzt kümmerlich auf Mauritius leben. • Shenaz Patel: Die Stille von Chagos. Roman. A. d. Franz. v. Eva Schar...

Florian Schmid

Ein indonesisches Epos

Auch wenn Indonesien vor zwei Jahren Gastland der Frankfurter Buchmesse war, ist hierzulande die Literatur dieses Staates kaum präsent, der immerhin 225 Millionen Einwohner hat. Der 1975 geborene Eka Kurniawan dürfte derzeit einer der international bekanntesten Autoren des asiatischen Inselstaates sein. Vergangenes Jahr schaffte er es mit seinem auch ins Deutsche übersetzten Roman »Tigermann« imme...

Seite 41
Sabine Neubert

Velika - eine Antigone des 20. Jahrhunderts

»Das hier wird nicht gut enden«, sage ich zu Jon, »das muss irgendeine Krankheit nach sich ziehen ..., ein Dürrejahr oder die Läuseplage ... oder einen langen Krieg …« An diese Sätze erinnert sich Velika (der Name heißt »die Große«), nachdem alles, was sie vorausgesehen hat, so über das kleine Bergdorf und seine Bewohner gekommen ist, über die Familien dort und das ganze Land Mazedonien: Hunger, S...

Silvia Ottow

Die Seele lässt sich nicht einfach neu formatieren

Auf dem Flug in die USA berichtet Hana Doda einem fremden Reisegefährten von ihren Schreibversuchen. »Dann sind Sie also Dichter, Herr Doda«, erwidert dieser. Moment, wieso spricht er von einem Herrn, haben wir nicht gerade gelesen, es handele sich um eine Frau? • Elvira Dones: Hana. Roman. A.d. Ital. v. Adrian Giacomelli. Ink Press 250 S., br., 18 €. Nein, es ist kein Fehler. Die erste...

Reiner Oschmann

Missbrauchte Ideale

Das Epochenereignis Vietnamkrieg ist in den vergangenen vier Jahrzehnten tausendfach thematisiert, dramatisiert und literarisiert worden. Meist mit amerikanischer Handschrift, oft seriös, nicht weniger oft beschönigend oder verlogen. Der glänzend geschriebene Roman »Der Sympathisant« behandelt den Krieg aus Sicht des Südvietnamesen Viet Than Nguyen. Beim Fall Saigons im Frühjahr 1975, als Washingt...

Seite 42
Heidi Diehl

Süße Reiseerinnerungen

Genuss wurde ihr bereits in die Wiege gelegt: Schon als Kind röstete Simone Wille im Feinkostgeschäft ihrer Eltern Kaffeebohnen von Hand, zog als Studentin in Salzburg durch die Cafés und spürte später als Journalistin überall auf der Welt dem typischen Geschmack der Region nach. Japan hinterließ dabei wohl einen ganz besonderen Eindruck bei ihr. Insbesondere die kleinen, zarten, duftigen Kuchen u...

Irmtraud Gutschke

Heilende Nahrung

Lila prangt der Lavendel, üppig blüht der Majoran - beim ersten Blättern schon locken die Farbfotos im Buch. Aber beim Blättern wird es nicht bleiben, weil Ulrike Fröhlich so unglaublich viel Interessantes mitzuteilen hat. Sie ist ausgebildete Ayurveda-Therapeutin, hat aber keine Abhandlung zur traditionellen indischen Heilkunst geschrieben, sondern eine Sammlung von Rezepten zusammengetragen - ve...

Klaus Bellin

»Wundervoller Spaziergang«

In diesem Herbst hat der Schriftsteller Matthias Zschokke erzählt, wie er sich einen Sommer lang auf Marcel Proust (1871 - 1922) einließ. Er las seinen Roman »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, alle sieben Bände. Aber eigentlich muss es heißen: Er quälte sich. Und hat, als alles überstanden war, auf vierundsechzig Druckseiten seines neuen Buches diese Qual in Worte gefasst. Nannte das Werk k...

Sabine Neubert

Geheimnis von Mont-Fleur

Marcello Simoni hat dem zweiten Teil seiner Mittelalter-Trilogie um den geheimnisvollen »Lapis exilii«, dem »Stein der Verbannung«, einen Vers aus Rüdiger Bartelmus’ »Dies irae« vorangestellt: »Tag der Rache, Tag der Sünden, / Wird das Weltall sich entzünden.« Der Leser kann sich also auf Turbulenzen gefasst machen. Auch wenn von hundert Verbrechen in einer Abtei nicht direkt die Rede ist (von ein...

Seite 43
Irmtraud Gutschke

Der Storch mit dem Pfeil

1822 im Akademischen Museum Rostock: Draußen ist schon Nacht, als Professor Heinrich Gustav Flörke ein Paket des Großherzogs auspackt. Als Schenkung übergeben wird ein ausgestopfter Storch, der nahe dem mecklenburgischen Schloss Bothmer erschossen worden war und dem ein hölzerner Pfeil der Länge nach im Schnabel steckt ... • Florian Weiß u. Lucia Jay von Seldeneck: Ich werde über diese Merkwü...

Ingolf Bossenz

Tierischer Sex unter turtelnden Tannen

»In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat«, war Nietzsche überzeugt. Lassen wir einmal beiseite, dass »wir« ja auch »Natur« sind, und belassen wir das Umgreifen dieses Begriffs in banalen Banden um Feld und Flur, Wald und Wiese: Im Gegenzug sind die Urteile »von uns« über »die Natur« Legion. Für Goethe war sie »das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bi...

Seite 44
Martin Koch

Abenteuer Erkenntnis

Naturwissenschaftler gelten gemeinhin als geradlinige, nüchterne und nur der Wahrheit verpflichtete Menschen. Als Stoff für die Boulevardpresse taugt ihr Leben normalerweise nicht. Es sei denn, sie sind berühmt und führen etwa ein skandalträchtiges Eheleben wie vor Jahren der britische Physiker Stephen Hawking. • Richard von Schirach: Der Mann, der die Erde wog. Geschichten von Menschen, dere...

Dieter B. Herrmann

»Wenn Sie glauben, jetzt alles verstanden zu haben ...«

Kann man als Mensch einfach mal zum Mittelpunkt der Sonne reisen, um herauszufinden, wie es dort aussieht und was dort vor sich geht? Der blutigste Laie würde das als reinen Blödsinn betrachten und hat damit auch recht. • Christophe Galfard: Das Universum in Deiner Hand. C. H. Beck, 400 S., geb., 24,95 €. Doch Christophe Galfard, der Autor einer »unglaublichen Reise durch die Weiten von...

Seite 45
Karlen Vesper

Mit einem Aufjauchzen begrüßt

»So eine wie Dich haben wir nie gehabt. So eine wie Dich möchten wir gerne haben.« Dies klingt fast wie eine Liebeserklärung. Geschrieben hat diese Worte der Bewunderung Kurt Tucholsky in einer Rezension über das 1927 in Berlin posthum in deutscher Übersetzung erschienene Buch »Oktober« von Larissa Reissner. Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel lobt der deutsche Dichter die Gabe der Russin, »das Nahe ...

Jörg Roesler

Der Held ist demontiert. Es lebe der Held!

Zu Wladimir I. Lenin haben sich seine Nachfolger alle bekannt, als erster Josef W. Stalin, der ihm unmittelbar folgte und der über sich selbst verbreiten ließ: »Stalin ist der Lenin unserer Tage.« Aber auch Nikita Chruschtschow, der sich berufen fühlte, die »Leninschen Normen« im Parteileben wieder herzustellen. Zurückhaltender äußerte sich Leonid Breschnew, aber betont positiv wieder dessen Nachf...

Seite 46
Philipp Martin

Gähnende Stute

Hähne, die ihre Hennen belügen? Hirschkühe, die trauern? Pferde, die sich schämen? Gibt es das denn wirklich? Ja, meint Peter Wohlleben und liefert als Beweis Beobachtungen, die er schon in seiner Kindheit im Haus und auf dem Hof der Eltern machte und die der gestandene Förster und nunmehrige Bestsellerautor über die Jahre bei Spaziergängen durch sein Revier, aber auch andere Wälder und Parkanlage...

Peter Schütt

Mensch, Messias oder Prophet?

Jesus, dieser Wieder- und Wiederaufersteher, erweckt immer wieder aufs Neue Erstaunen. Dafür liefert die aktuelle Jesus-Spurensuche des Rostocker Autors Michael Baade ein beredtes Zeugnis. Er sieht Jesus nicht nur durch die christliche Brille, sondern gleichsam multispektral und dreidimensional aus jüdischer, christlicher und muslimischer Sicht. Dadurch gewinnt diese einzigartige Gestalt der Mensc...

Harald Loch

Die gekrümmte Raumzeit

Einer wusste es schon vor 100 Jahren. Aber erst im September 2015 war die Suche nach den von Albert Einstein bereits errechneten Gravitationswellen erfolgreich. Erstmals konnten die Forscher am LIGO (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory) des Californian Institute of Technology Gravitationswellen messen. Beteiligt waren neben Kip Thorne und Ronald Drever auch Rainer Weiss vom Massach...

Seite 47
Frauke Keller

Offene Herzen, offene Grenzen

»Was wir im langen Sommer der Migration 2015 miterleben konnten, war und ist keine Flüchtlingskrise, sondern eine historische und strukturelle Niederlage des europäischen Grenzregimes.« Dieser Eingangssatz sitzt. Wie in Stein gemeißelt die Anklage. • Sabine Hess/Bernd Kasparek u. a.(Hg): Der lange Sommer der Migration. Grenzregime III. Assoziation A, 272 S., br., 18 €. Über 30 Jahre lan...

Karlen Vesper

Die Tragödie eines Rabbis

Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen NS-Hetzblattes »Der Stürmer«, verteidigte sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess mit den Worten: »Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank.« Der Nazi spielte auf Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« an. Das knapp 150-seitige Pamphlet lese sich noch heute wie ein Aktionsplan zum Reichspogrom, eine »defi...

Peter Nowak

Unheilvolle Symbiose

Erst kürzlich hat die rechtskonservative polnische Regierung die Umbenennung zahlreicher Straßen und Plätze beschlossen. Darunter solche, die Namen jüdischer Widerstandskämpfer tragen, die von den Nazis ermordet wurden. Die öffentliche Erinnerung an sie soll ausgelöscht werden, weil sie KommunistInnen waren. Aber nicht nur in Polen gehört der Antikommunismus bis heute zur wirkungsmächtigen Ideolog...

Seite 48
Andreas Fromm

Im Land der Täter

Gibt es so etwas wie »exterritoriale Geschichte«? Und gibt es in der neueren Geschichte der Juden in Europa so etwas wie eine »vergessene Zeit«? Die Historiker und Soziologen Hans-Peter Föhrding und Heinz Verfürth haben sich auf die Suche nach dieser begeben. Sie haben sie in Deutschland, dem gerade besiegten und durch unsägliche Verbrechen besudelten Land, gefunden. Ausgerechnet hierher, ins Land...

Harald Loch

Die Angst vor den Häschern blieb bis zum letzten Tag

Wer nicht begriffen hat, was sich in Europa in den letzten 75 Jahren getan hat, sollte zu diesem »bewundernswerten historischen Dokument« (Lucien Febvre) greifen: ein Tagebuch, das der linke Intellektuelle Léon Werth (1878 - 1955) während der Jahre der deutschen Besatzung Frankreichs bzw. des Vichy-Regimes geschrieben hat. Jeden Tag, vom Einmarsch der Wehrmacht 1940 bis zur Befreiung von Paris 194...

Karlen Vesper

Der fast vergessene Widerstand

Am 30. August 1939 schrieb der Niederländer Eddo Fimmen, der legendäre Generalsekretär der Internationalen Transportarbeiterföderation (ITF), an Hans Jahn, Leiter einer Widerstandsgruppe in Nazideutschland, »wie wichtig es wäre, bei Kriegsausbruch den so wichtigen Verkehrsapparat der Reichsbahn durcheinander zu bringen«. Die unrühmliche Rolle der Bahn bei der Deportation der Juden in die Ghettos u...

Seite 49
Karlen Vesper

Wer aufrecht geht, hat die Hände frei

»Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas eintritt oder entsteht.« Schön hat er das formuliert, der alte Aristoteles von Stageira, Schüler des Platon und Lehrer Alexanders, des späteren Makedonierkönigs, der den Beinamen »der Große« erhielt. Seine Definition über den Anfang ste...

Gerhard Engel

Rechte Gewaltexzesse und brodelnde Gerüchteküche

Noch ehe die Verlage und Redaktionen ihre Schleusen für den Strom der Publikationen über das Weltkriegsende und die deutsche Revolution von 1918 geöffnet haben, erregt das Buch eines jungen irischen Historikers Aufsehen. • Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. Propyläen, 432 S., geb., 26 €. Mark Jones untersucht die Rolle...

Seite 50
Andreas Herbst

Höhen und Tiefen

Sein Geburtstag jährte sich in diesem Jahr zum 120. Mal. Leser des »neuen deutschland« erinnern sich bestimmt an die kleine biografische Erinnerung jüngst, verfasst von der letzten Vorsitzenden des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Annelis Kimmel, gemeinsam mit Günter Burkhardt • Lutz Heuer: Aus dem Leben des Politikers, Antifaschisten und Gewerkschafters Hans Jendretzky. Trafo, 2...

Franziska Klein

Was ich einst war - und was ich bin

Ob Augustinus tatsächlich der antike Mensch ist, »über den wir am meisten wissen«, sei dahingestellt. Ich hätte da eher auf Cäsar und Kleopatra, Alexander, Augustus oder auch Spartakus getippt. Aber gerade weil ich über den im Jahre 354 in Numidien, heute Algerien, geborenen und 430 ebendort gestorbenen Philosophen und Kirchenlehrer wenig weiß, habe ich die Biografie von Robin Lane Fox umso begier...

Andreas Fromm

Wie ein kleiner Korse in Paris Konsul wurde

Bis zu seiner Heirat mit Josephine hieß er Buonaparte nach seinen italienischen Vorfahren auf Korsika. Danach schrieb er sich, inzwischen ganz Franzose geworden, Bonaparte. Als er 1804 zum Kaiser gekrönt wurde, nannte er sich Napoleon. Die Literatur über ihn ist unübersehbar. Jetzt gilt es, eine neue Biografie anzuzeigen, die zwar nur bis zu seiner Ernennung und Wahl per Volksentscheid zum Ersten ...

Seite 51
Harald Loch

Der Seh-Mensch

»Ein kleines Ja und ein großes Nein« - dergestalt und gekonnt ambivalent überschrieb George Grosz »sein Leben, von ihm selbst erzählt«. Der Untertitel deutete Distanz an. Das Buch ist zuerst 1946 in den USA erschienen. Dorthin war der Maler und Antifaschist, seiner Verfolgung und Verhaftung durch die Nazis zuvorkommend, schon 1933 ausgewandert. Er kehrte nur zum Sterben 1959 in seine Heimatstadt B...

Jochen Knoblauch

Ein schnelles Pferd und drei Tage Vorsprung

Er wurde von Freunden und Mitstreitern schlicht »Knofo« genannt: Norbert Kröcher (1950 - 2016). Sein Vorhaben, seine Memoiren auf den deutschen Buchmarkt zu bringen - sie sollten drei Bände umfas᠆sen - scheiterte am Desinteresse der Verlage. Sie waren lediglich bereit, seine Erlebnisse von 1967, dem Beginn seiner Politisierung, bis 1985, als er aus dem bundesdeutschen Knast entlassen wurde, zu dru...

Seite 52
Rudolf Walther

Worte, die Politiker scheuen wie der Teufel das Weihwasser

Jean-Claude Juncker wird das Bonmot zugeschrieben: »Wenn die Deutschen das Wort ›Sozialunion‹ hören, bekommen sie Schüttelfrost.« Mit »den« Deutschen ist vor allem das regierende Personal von der Kanzlerin bis zum Finanzminister gemeint, die das Wort »Sozialunion« scheuen wie der Teufel das Weihwasser. • Friedhelm Hengsbach: Was ist los mit Europa? Für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Solidari...

Michael Schneider

Ein fünfzehnminütiger, aber mächtiger Staatsfunk

Wenn sich nicht nur kritische Publizisten und Medienbeobachter, sondern sogar eine Regierungschefin besorgt über den »Glaubwürdigkeitsverlust der Medien« äußern, dann müssten eigentlich im ganzen Land die Alarmglocken läuten. 60 Prozent der Bürger, erklärte Angela Merkel, hätten laut Umfragen »wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien«. Und sie betonte: »Das muss uns alle unruhig stimmen.« - »AR...

Seite 53
Florian Schmid

Strike the sails

Wie populär Piraten und die Gesetzlosen der Meere sind, belegen Filme wie »Fluch der Karibik«, dessen fünfter Teil unlängst in unsere Kinos kam. Die Begeisterung für Freibeuter und proletarische Helden der Weltmeere ist aber kein Phänomen unserer Zeit, vielmehr gibt es die schon seit mehr als zweihundert Jahren, wie der Sozialhistoriker Marcus Rediker von der Universität Pittsburgh in seinem Buch ...

Karoline Groß

Frauenpower

Über Jahrhunderte blieben sie im Schatten der Männer, jene Frauen, »denen das reformatorische Bekenntnis so wichtig wurde, dass sie öffentlich dafür eingetreten sind ..., wofür sie unter Umständen selbst Anfeindungen oder Gefahr für Leib und Leben in Kauf nahmen«, konstatiert Martina Schattkowsky eingangs. • Martina Schattkowsky (Hg.): Frauen und Reformation. Handlungsfelder – Rollenmuster – ...

Karlen Vesper

»Habt ihr die Nachrichten gehört?«

Zehn Gründe zählt David North auf, warum es sich noch heute lohnt, die Russische Revolution zu studieren. Der Autor zahlreicher Bücher zur marxistischen Theorie und imperialistischen Geopolitik, Mitglied der IV. Internationale, nennt als ersten Grund: »Die Russische Revolution war das wichtigste, folgenreichste und progressivste politische Ereignis des 20. Jahrhunderts.« Im Folgenden adelt er dies...

Seite 54
Johannes Tesfai

Ein unerhörtes Ereignis

1791 rief Robespierre der französischen Nationalversammlung zu: »Sollen die Kolonien doch untergehen, wenn ihre Erhaltung uns unser Glück, unseren Ruhm, unsere Freiheit kostet.« In diesem Jahr brach in der reichsten Kolonie Frankreichs, Saint-Domingue, ein Aufstand aus. Beeinflusst durch die Revolution im sogenannten Mutterland griffen die dort lebenden afrikanischen Sklaven zu den Waffen und beha...

Harald Loch

Ikone der Buchkultur

Die lange Zeit wichtigste Kultur des Mittelalters war Byzanz. Die Völkerwanderung hatte das Ende des (west-)römischen Reiches beschleunigt. Mit der Erhebung des Christentums zur staatstragenden Religion bildete sich um die neue Metropole Konstantinopel ein Reich mit einer über 1000-jährigen Geschichte. In seiner Blütezeit beherrschte es fast alle Länder am Mittelmeer und reichte im Osten bis zu de...

Rudolf Walther

Ein Generalangriff ohnegleichen

Wenige historische Tragödien sind für lange Zeit derart stark in Vergessenheit geraten wie die mit der Kolonisierung Nordamerikas einhergehende Vertreibung und Ermordung der Indianer. Während sich die Zahl der Kolonisatoren dort im 19. Jahrhundert von fünf Millionen auf 75 Millionen erhöhte, dezimierte sich im gleichen Zeitraum die der Native Americans, der indigenen Bevölkerung, von 600 000 auf u...

Seite 55
Maria Jordan

Sternstunden der Endecker

Meistens waren es Männer, die die großen Entdeckungen der Vergangenheit machten. Wissenschaftler, Abenteurer, Schatzsucher - die Archäologie ist und war eine Männerdomäne. Doch Überraschungen gibt es immer: Im Falle der Höhlenmalereien von Altamira lief es ganz anders. Sie wurden von einem achtjährigen Mädchen gefunden. • Silke Vry/Martin Haake: Verborgene Schätze, versunkene Welten. Große A...

Jürgen Amendt

Es bleibt uns nur die Frage

»In diesem Buch geht es um das Selbstverständliche, das vielen nicht erreichbar ist«, beginnt Hubertus Halbfas sein Vorwort für dieses Buch. Das Selbstverständliche ist um uns herum, in uns und es ist doch manchmal so weit weg wie die Mitte der Erde, die in einer Geschichte dieser Textsammlung von einem kleinen Mädchen vergeblich gesucht wird. In insgesamt 16 Kapiteln wird anhand von Märchen, Para...

Seite 56
Eva Peter

»Will und will und will ...«

Sich mit Mama und Papa unter der Bettdecke verstecken und hundert Geschichten lesen, »Sonnen und Dinosaurier malen und zwei Portionen Sahnepudding mit Zimt essen«. Wenn alles gut ist, scheint die Welt, »rosig, rosa, rosarot«. Wie schlimm, wenn sie sich plötzlich verdunkelt, weil es nicht nach des Kindes Willen geht. • Susana Gómez Redondo/ Anna Aparicio Català: Wut! A. d. Span. v. Monik...

Maria Voll

Märchentraum mit Musik

Stell dir ein festlich geschmücktes Schiff auf der Themse vor und dazu noch ein zweites, auf dem ein großes Orchester sitzt. Hörst du die Oboen, Fagotte, Querflöten, die Geigen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe? Nein? Marko Simsa/Doris Eisenburger: Feuerwerks- & Wassermusik. Die Suiten v. Georg Friedrich Händel. Annette Betz Verlag, 32 S. m. ...

Silvia Ottow

Käfers Geheimnis

Heika Stegemann lernt in der zweiten Klasse. Und es geht ihr wie vielen Mitschülerinnen. Immer, wenn sie der strengen Lehrerin etwas vorlesen soll, fangen die Buchstaben an, vor ihren Augen hin und her zu tanzen, auf einen anderen Platz in der Zeile zu springen oder ihre Ä- und Ö-Pünktchen wild miteinander zu tauschen. Alfred Wellm: Das Mädchen Heika. Bilder v. St...

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