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Stephan Fischer

Wem kann man’s in die Schuhe schieben?

Haben die Börsen Corona? Die Kurse steigen und steigen, trotz Krise – wie ist das möglich? Lesen Sie auch, was eigentlich das Problem in Sachsen-Anhalt ist, wie »Incels« ticken und warum die Friedensbewegung sich neu aufstellen sollte

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Stephan Kaufmann

Die Kursrakete

Im November feierten die globalen Aktienmärkte ihren besten Monat seit Jahrzehnten. Kurstreibend wirkt die Hoffnung auf einen Impfstoff gegen Corona, der zwar nicht alle Menschen rettet, aber die Weltwirtschaft.

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Aert van Riel

Die Leiden der grünen Geostrategen

Die Grünen blicken mit Sorgen auf den zunehmenden Einfluss der Türkei und Russlands in der Nachbarschaft der Europäischen Union. Allerdings haben sie keinen schlüssigen Plan, was man dieser Entwicklung entgegensetzen könnte.

Sebastian Bähr

»Das ist risikoscheu«

Muss sich die Friedensbewegung erneuern? Davon ist zumindest der »Rheinmetall entwaffnen«-Aktivist Daniel Seiffert überzeugt. Für ihn müssten die traditionellen Organisationen sich verjüngen, aber auch Protestkultur ändern.

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Max Zeising

Rechte Machtspiele

Im Streit um den Rundfunkbeitrag nähert sich die CDU in Sachsen-Anhalt der AfD an. Nun ist der CDU-Innenminister Holger Stahlknecht entlassen worden.

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Jana Frielinghaus

Merkels Beschwörungen

Auf einer Sondersitzung der UN hat Generalsekretär Guterres die Mitgliedsstaaten eindringlich zur Zahlung versprochener Gelder für die Bewältigung der Corona-Krise gemahnt. Dem UN-Programm gegen Corona fehlen 23 Milliarden Euro.

Simon Poelchau

Es ist kompliziert

Vor einigen Jahren, als Facebook noch hip war, galt es als mindestens ebenso hip, auf seinem Profil in diesem sozialen Netzwerk als Beziehungsstatus »Es ist kompliziert« anzugeben. Jetzt, nach Monaten der Pandemie, dürften das viele übers Homeoffice sagen.

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Tamara Kamatović

Ran an die Arbeit

Sollte Bernie Sanders US-amerikanischer Arbeitsminister werden, will er Reformen durchsetzen, die innerhalb von vier Jahren die Mitgliederzahl der Gewerkschaften verdoppeln.

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Simon Poelchau

Neue Methoden, altes Ziel

Statt Staaten wollen die USA verstärkt beteiligte Firmen wegen Nord Stream 2 sanktionieren. Dabei eint Demokraten und Republikaner dasselbe Ziel: die Stellung der US-Wirtschaft in der Welt verteidigen.

René Heilig

US-Truppen halten Stellung

US-Kongress bremst den vom Noch-Präsidenten Donald Trump angeordneten Abzug von US-Truppen aus Deutschland. Möglich macht das ein National Defense Authorization Act (NDAA), auf den sich beide Kammern des Parlaments parteiübergreifend verständigt haben. Der Ende Juli verkündete Beschluss zum Abzug von zwei Dritteln der US-Uniformierten war als Strafaktion gedacht, weil die Deutschen - so tobte der ...

Uwe Kalbe

Palastrevolte, erster Teil

Der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff hat seinen Innenminister entlassen. Nach mehreren Skandalen und Peinlichkeiten im Ministerium, die einen üblen rechten Geruch verströmten, hatte Holger Stahlknecht nach der Macht seines Chefs gegriffen. Das ist ihm nicht bekommen. Vorerst.

Ulrike Wagener

Der Politikangler

Sexueller Missbrauch und Kinderpornografie nähmen in Deutschland »pandemische Ausmaße« an. So formulierte es der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig noch in diesem Sommer. Wenige Monate später kündigt der 61-Jährige nun überraschend an, sein Amt mit dem Ende der Legislaturperiode im nächsten Jahr niederzulegen. Beauftragt war der Jurist regulär noch bis 20...

Leo Fischer

Kauft, Leute!

Unser Kolumnist Leo Fischer gesteht: Er hat versagt. Er hat zu wenig eingekauft und damit seine patriotische Pflicht verletzt. Nun gelobt er sich, uns und Peter Altmaier radikale Besserung.

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Von den Mitläufern

Deutschland war das einzige Land, in dem der Faschismus auf demokratische Weise siegte. Die NSDAP hatte dann 8,5 Millionen Mitglieder. Nach dem Krieg gab es ein neues Wort: »Mitläufer«. Das waren Nazis, die es nicht so gemeint haben wollten. Die hatten nun nichts zu befürchten. Heute so, morgen so: Als wäre das Nazisein das Normalste von der Welt gewesen. In den Entnazifizierungsverfahren in den W...

Lars Fleischmann

Irre wirre Männerwelt

Sie wähnen sich im unfreiwilligen Zölibat, Schuld sind freilich die Frauen: Incels tauschen sich im millionenfach Netz aus. Doch die Ideologie ist keineswegs harmlos, sondern führt zu Gewalt, wie zwei neue Bücher zeigen.

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Thomas Wagner

Eine Frage, aber unzählige mögliche Antworten

Nach seinem Bestseller über Philosophen in den 20er Jahren hat Wolfram Eilenberger ein neues Buch geschrieben. Die Heldinnen: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand. Im Gespräch erzählt er, was die vier Denkerinnen verbindet, trotz aller Unterschiede.

Seite 13
Christin Odoj

Weniger Pimmel, mehr Du und Ich

Schnipo Schranke gibt es nicht mehr, dafür nun Ducks on Drugs. Mit ihrem Debütalbum »Stabil labil« folgen sie musikalisch der Vorgängerband, nehmen aber mehr Anleihen bei der Neuen Deutschen Welle. Und auch textlich huldigt man wieder der eigenen Kaputtheit.

Felix Lill

»Gundam, hochfahren!«

Animefans rasten aus: In Japan wurde ein Roboter aus dem Sciencefiction-Universum »Gundam« nachgebaut. Und zwar in Lebensgröße, was immerhin ganze 18 Meter sind. Der neue Riese von Yokohama dürfte künftig ein Magnet für Verehrer und Touristen werden.

Seite 14
Gegen Rassismus in all seinen Formen
Kristian Meyer

Gegen Rassismus in all seinen Formen

Der Afroamerikaner George Floyd starb im Mai 2020 während seiner gewaltsamen Festnahme in Minneapolis. In den Tagen danach gingen weltweit Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus auf die Straße. Unter der Parole »Black Lives Matter« haben sich auch in Europa Unzählige organisiert – bis heute.

Seite 15
Laurence Meyer

Aufschwung dank Black Lives Matter

Im vergangenen antirassistischen Sommer haben sich die Angehörigen der Opfer von Polizeigewalt in Frankreich organisiert und erhalten nun internationale Aufmerksamkeit.

Seite 16
Plötzlich Schwester
René Laglstorfer

Plötzlich Schwester

Die Österreicherin Angelika Lichtkoppler suchte jahrelang verzweifelt nach ihrem Vater, einem US-Soldaten. Er starb, bevor sie sich kennenlernen konnten, aber auf einmal hatte sie vier Halbgeschwister.

Seite 17
Stephan Kaufmann

Die amerikanische Krankheit

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte und die Victims Of Communism Memorial Foundation wollen Corona-Tote als Opfer des Kommunismus einstufen. Dabei ist eine Krankheit, die wie gezielt Alte und Schwache tötet, doch eher neoliberal.

Seite 18
Tomasz Konicz

Janusköpfige Geste

Indem Willy Brandt den Polen die Angst vor einem deutschen Grenzrevisionismus nahm, machte er die UdSSR als Garantin der Westgrenze überflüssig: Die Sozialdemokraten waren die besseren Kalten Krieger.

Seite 19
Claudia Pinl

Die Kinder des Herrn Ohnemichel

30 Millionen Menschen engagieren sich in der Bundesrepublik im Ehrenamt. Das ist eine wichtige Ressource für unser Zusammenleben. Doch sie ist zu schade, um damit nur die politisch zu verantwortenden Löcher in der öffentlichen Daseinsvorsorge notdürftig zu stopfen.

Seite 20
Aurel Eschmann

Der größte Streik der Weltgeschichte?

In Indien entsteht seit 2016 eine langsam wachsende, heterogene Bewegung gegen die neoliberale und antimuslimische Regierung. Es lohnt sich auch im Westen, die Zusammensetzung und Dynamik zu studieren - jenseits verbreiteter Zerrbilder.

Seite 21
Aurel Eschmann

Massenproteste gegen den Hindunationalismus

Was mit 2016 Studierendenprotesten an einer kleinen Hochschule in Dehli begann, gewinnt immer neue Facetten: Der Widerstand gegen die Modi-Administration in Indien wächst weiter. Inzwischen schlägt sich das zumindest auf Bundesstaatsebene auch in Wahlergebnissen nieder.

Seite 22

Zellverjüngung an Mäuseaugen

Wissenschaftler haben womöglich einen Durchbruch bei der Behandlung von Alterskrankheiten erzielt: Durch Zellverjüngung konnten sie das Sehvermögen von Mäusen wiederherstellen - eine Therapie, die bei Menschen bei der Augenkrankheit Grüner Star und anderen altersbedingten Krankheiten eingesetzt werden könnte, wie aus einer am Mittwoch im Fachmagazin »Nature« veröffentlichten Studie hervorgeht. Stu...

Michael Lenz

Erschütternde Stürme

Länder wie Japan, Taiwan oder die Philippinen sind nicht nur erdbebengefährdet, sie werden auch regelmäßig von Taifunen heimgesucht. Eine Studie von Geowissenschaftlern kommt zu dem Ergebnis, dass die nach den Wirbelstürmen häufigen Erdrutsche Erdbeben auslösen können.

Seite 23
Ingrid Wenzl

Kühlung für Hitzeinseln

Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Aufgrund von Bodenversiegelung, enger Bebauung sowie fehlenden Parks und Grünflächen verwandeln sie sich in Hitzeinseln. Das erfordert dringend neue Konzepte der Stadtplanung.

Ingrid Wenzl

Wenn es immer heißer wird

Die Erderwärmung schreitet trotz aller Lippenbekenntnisse zu Klimaabkommen unvermindert voran. Das »schöne« Sommerwetter wird mancherorts bald lebensgefährlich. Grund genug, dass sich nicht nur die Forschung mit Anpassungsmaßnahmen beschäftigen muss.

Seite 24
Christian Klemm

»Eine gute Anlage ist das A und O«

Unter Musikfans tobt seite vielen Jahren ein Streit darüber, was besser klingt: CD oder Schallplatte. Unser Wissenschaftsredakteur Steffen Schmidt hat einen Sieger ausgemacht - den digitalen Silberling.

Seite 25
Marie Frank

Tödlicher Hass

Vor 30 Jahren wurde der Angolaner Amadeu Antonio Kiowa in Eberswalde von einem rechten Mob brutal ermordet. Heute radikalisiert sich die sogenannte bürgerliche Mitte erneut. Was haben Staat und Zivilgesellschaft dem rechten Hass entgegenzusetzen?

Seite 26
Eröffnung mit Distanz
Nicolas Šustr

Eröffnung mit Distanz

Die U5 endet seit Freitag nicht mehr am Alexanderplatz sondern fährt knapp vier Kilometer weiter bis zum Hauptbahnhof. Für Hunderttausende Berliner werden Verbindungen schneller und bequemer. In der Stadt wird gestritten, ob die U-Bahn noch weiter ausgebaut werden soll.

Seite 27
Marie Frank

Die Wehrmacht kickte mit

Der SV Babelsberg ist überregional für seine linken Fans und sein Engagement gegen Rechts bekannt. Doch das war nicht immer so, wie junge Fans der Nulldreier nun herausgefunden haben.

Seite 28
Oliver Kern

Den Amateuren fehlt die Lobby

Der Deutsche Olympische Sportbund muss seine Mitgliederversammlung online abhalten. Doch die Corona-Pandemie hat noch viel dramatischere Effekte auf den Amateursport. Die Vereine fürchten, immer mehr Mitglieder zu verlieren und langsam auszubluten.

Tom Mustroph

Ein Ruderer als Radprofi

Jason Osborne gewann im Leichtgewichtsrudern schon EM- und WM-Titel. Jetzt vertritt er die deutschen Radsportler bei der ersten virtuellen WM. Nach seiner zweiten Olympiateilnahme im Sommer 2021 auf dem Wasser will er dann Straßenradprofi werden.

Seite 29
Sven Goldmann

Der Wahnsinn sucht sich sein eigenes Biotop

Einem einzigen Fußballmatch hat Zeit-Journalist Oliver Fritsch gleich ein ganzes Buch gewidmet. Es duellieren sich: der drittletzte Zweitligist und der drittbeste Drittligist. Nicht die ganz hohe Schule, aber auf den 184 Seiten wird derart intensiv gelitten, dass auch Nicht-Nürnberger, -Ingolstädter und -Fußballfans die großen Emotionen nachfühlen können

Michael Wilkening, Kolding

Wenig denken, weit springen, treffen

Trotz einer Vorbereitung voller Probleme gehen die deutschen Handballerinnen mit großen Zielen in die EM. Der Auftaktsieg gegen Rumänien bestärkt sie darin. Grund für das neue Selbstbewusstsein ist ein Wandel im Kader, den der Bundestrainer gefordert hatte.

Seite 30
Carsten Heinke

Advent ohne Remmidemmi

Das oft so aufgeregte Leipzig kann ganz ruhig und besinnlich sein. Ein vorweihnachtlicher Bummel durch das Herz der Sachsenmetropole an einem Wochentag in Zeiten von Corona.

Seite 31
Gunnar Decker

Reisen im Kopf

Erkenntnis beginnt oft damit, dass man etwas mit eigenen Augen sieht, was dann Stoff zum Denken gibt. So bildet sich der Mensch. Aber wenn er zwangsweise eingeschränkt wird in seinem unmittelbaren Kontakt mit der Welt, kann darin, neben dem Verlust, auch ein Gewinn liegen?

Seite 32
Inga Dreyer

»Krach zu machen«, hat funktioniert

Thao Ho hat vor drei Jahren die Plattform Deutsche Asiat*innen, Make Noise (DAMN) gegründet. Sie will dazu beitragen, dass asiatische Perspektiven und Diskriminierungserfahrungen sichtbarer werden.

Seite 33
Christof Meueler

EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Weihnachten ist Wahrheit: Die üblichen Phrasen, die über das Schenken im Umlauf sind, schmelzen unterm Tannenbau dahin wie der Schnee, von dem im Winter immer gesprochen wird, der aber anscheinend niemals mehr kommt, vor allem nicht Weihnachten. Es sei denn, man lebt im Gebirge. Wann war die letzte weiße Weihnacht in Berlin? Tja, äh, 2010, wir haben das recherchiert...

Seite 34

Goebbelsschnauze im Wendenland

Jeńka richtete sich die Krawatte. »Die Leute«, sagte er, »die Leute schweigen. Sind vorsichtig geworden. Ich sag’s, wie’s ist: In meiner Gegenwart verstummen sie. Hören auf zu reden. Oder die Unterhaltung wechselt von einem Thema zum anderen. Sogar von einer Sprache in die andere. Vom Wendischen ins Deutsche. Als wollten sie sich über mich lustig machen. Klingt drollig, wenn sie mit mir plötzlich ...

Seite 35
eVA pETER

Ist das ein schönes Hundeleben!

Das sind blasierte Eltern, unterwegs in ach so wichtigen Geschäften. »›Was ist denn das für eine Bruchbude?!‹, sagte Frau Schnuppe. ›Herbert?‹ Herr Schnuppe zuckte zusammen, nahm für einen Moment das Handy vom Ohr und sagte: ›Schatzi?‹« Notgedrungen haben diese Eltern ihren Sohn dabei, weil im Ferienlager kein Platz zu finden war. Kaum im Hotel angekommen, werden sie dringend zu einem Meeting geru...

Klaus Bellin

Der strahlende Held ist verschwunden

Er schrieb und schrieb, und er fluchte wie immer, wenn er nicht vorankam. Wie ein Bär hockte er wochen- und monatelang in seiner Höhle, wendete die Wörter, verwarf sie und suchte von Neuem, schuftete, feilte, polierte, zerriss die Stille des Zimmers, indem er laut die Sätze brüllte und ihrem Klang nachlauschte. »Mein Roman geht piano«, schrieb Gustave Flaubert (1821-1880) seiner »lieben Meisterin«...

Seite 36
Überleben und Erinnern

Überleben und Erinnern

Es hatte keinen Sinn zu versuchen, die Familie Stelerius ausfindig zu machen. Seit ewigen Zeiten mussten sie fort sein oder nicht mehr leben. Es war zu lange her. Selbst wenn es mir gelingen sollte, einen Angehörigen zu finden, was ich nicht glaubte, konnte ich doch jetzt, nach all den Jahren, nicht mehr damit ankommen. Aber ich hatte es Eva versprochen. Sie wollte, dass ich zu ihnen gehe. Sie gin...

Seite 37
Karlheinz Kasper

Die Angst und die Liebe

Zu den auffälligen Trends der russischen wie der belorussischen Gegenwartsliteratur gehören konsequente Kampfansagen gegen das Vergessen. In Russland wird dieser Kampf vor allem von Vertretern der jüngeren Schriftstellergeneration wie Sergej Lebedew (geb. 1981) oder Maria Stepanova (geb. 1972) geführt. In Belarus setzt sich die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch seit Jahren mit diesem Thema...

Irmtraud Gutschke

Die Kämpfe hören nicht auf

Sie wurde 1984 in Baku geboren, nicht in einer aserbaidshanisch-islamischen, sondern in einer russisch-jüdischen Familie. Als Olga Grjasnowa mit ihren Eltern 1996 nach Hessen übersiedelte, hat sie kein Wort Deutsch gesprochen. Da konnte sie sich gut in Jamalludin, den Helden ihres Romans, hineinversetzen, der 1839 als Neunjähriger in eine ihm völlig fremde Welt geschleudert wurde. Es ist ein histo...

Seite 38
Alan, geboren in Kobanê

Alan, geboren in Kobanê

Kobane war Rehannas Heimat, der Ort, an den sie 2011 für Ghalibs Geburt zurückkehrte, die Stadt, in die sie 2012 flüchtete, als die Kämpfe und Selbstmordattentate das Leben in Damaskus zu gefährlich machten, und in der sie blieb, während ihr Mann nach Istanbul pendelte, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Kobane war Rehannas sicherer Hafen. Für Abdullah verging kein Tag in der Türkei, an dem er n...

Seite 39
Mario Pschera

Seeräuber-Jenny und Surabaya-Johnny

Irgendwann kommt das Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen an Bord und rächt die Erniedrigten und Beleidigten, die den Tresen wischen, das Brot backen und am Fließband schuften. Und weil jeder Traum und jede Sehnsucht gut genug ist, damit ein paar Pennys zu verdienen, erfanden geschäftstüchtige Verleger und Filmproduzenten den Groschenroman und das Kintopp. Hach, was waren das für aufregende ...

Jürgen Schneider

Die Schönheit der Nützlichkeit

In den 1980er Jahren wurde der Welthandels- und Industrieriese Japan zum Hightech-Weltmeister - für Nippontopia war kein Ziel zu hoch gesteckt. Die Fortschrittsgläubigkeit erfuhr durch die Nuklearkatastrophe vom März 2011 im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eine Zäsur. Wegen der aktuellen Corona-Pandemie schrumpft die japanische Wirtschaft, was vielen Betrieben schwer zusetzt - darunter...

Seite 40

Die Dame mit Schale und Schwert

Trennung soll der Mensch auf Müll beschränken, das kann zumindest nicht schaden. Konserven zum Metall, Flaschen zum Glas, Knochen in den Kompost. Papiere zu Papieren. Sie nahm die Brille ab, rieb sich die Augen, kramte in der Handtasche nach dem Schminkbeutel, wo das Fläschchen mit den Tropfen steckte. Der natürliche Tränenfluss verdunstete zu schnell und deshalb brannten die Augen. Sie legte...

Seite 41

Die schönste Schock-Liebesgeschichte

Geschenke können alles verändern. So wie in dem berühmten Märchen der Gebrüder Grimm, in dem ein verarmtes Ehepaar, das eine Schusterei führt, nicht mehr ein noch aus weiß. Jede Nacht bekommen die beiden Besuch von den Wichtelmännern, die dann die gesamte Arbeit verrichten, die das Ehepaar nicht mehr schafft. Warum tun die das? Weil sie so freundlich sind. Das ist wohl der Humanismus der Wichtelmä...

Mario Pschera

Schwefelhölzer und der Schimmel an der Wand

Oooch, die niedliche Arielle! Wie sie unbeschwert durch die Meere schwimmt, mit ihren lustigen Fischfreunden spielt, wild-harmlose Abenteuer in Serie erlebt und gelegentlich mit einem Augenzwinkern von ihrem gestrengen Göttervater gerügt wird. Genauso hätte es sicher gern auch der Erfinder der kleinen Meerjungfrau, der 1805 geborene dänische Dichter Hans Christian Andersen aufgeschrieben, wäre er ...

Monika Melchert

Im Trubel der kunstseidenen Stadt

Berlin war eine verheißungsvolle Stadt. Wer berühmt werden, wer etwas darstellen wollte, musste hierher in die Metropole kommen, auf Biegen und Brechen. Und da ist Doris - sie will genau das, ja ganz wörtlich genommen will sie »ein Glanz sein«. Doch viele junge Frauen in den letzten Jahren der Weimarer Republik, der Arbeitslosigkeit und Krisen besitzen kaum das Nötigste. • Buch im nd-Shop bes...

Seite 42
Credo, quia absurdum est

Credo, quia absurdum est

Erster Brief Lieber H a n s ! Nach zwei Jahren Waffenstillstand erreicht mich Dein Brief aus Paris. Du fragst nach mir. Aber damit nach uns. Ich soll schildern, wie es mir ergangen ist. Warum hast Du damals, schon ein Jahr vor Ausbruch des Krieges, die Korrespondenz abgebrochen? Weil ich Dir schrieb, Du möchtest Deine politischen Ansichten nicht mehr äußern, wir kennten uns doch? Ich dacht...

Seite 43

Die weite Reise der Eva Mosbach

Sie ist elf . Von einem Tag auf den anderen muss sich Eva von ihren Eltern trennen. Mit anderen jüdischen Kindern aus Nürnberg verlässt sie in der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1939 ihre Heimat, das judenfeindliche Deutschland, mit einem Kindertransport nach England. Nach den antisemitischen Novemberpogromen von 1938 wurden etwa 10 000 jüdische Kinder derart vor den deutschen Antisemiten gerettet. ...

Uwe Kalbe

Schere im Kopf

Sie war ein ständiger Begleiter des DDR-Journalisten, die Schere im Kopf. Durchaus unterwarf man sich selbst der Logik des Klassenkampfes: Die Fehler und Schwächen des eigenen Systems, des Landes zu offenbaren, das es heute nicht mehr gibt, hieß, sie dem Gegner vor die Füße werfen. Direkt zum Fraß, und klar war, der würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. • Buch im nd-Shop bestellen...

Seite 44
Lilian Harvey und Hitler im Kino

Lilian Harvey und Hitler im Kino

1929 DER BEGINN DES TONFILMS 9. Juni Seit ich aus Wien zurück bin, wohnen wir in der hübschen bunten abenteuerlichen Dachkammer, der Lieblingsschöpfung Evas. Zuerst, weil unten die große Ablackung und Neustreichung des Ehebettes vorgenommen wurde, dann des vielen Logierbesuches wegen, denen wir das Schlafzimmer überlassen und - weil es uns oben so gut gefällt. Man ist dort geborgen, für ...

Seite 45

Die ewig rote Socke Lenin

Es ist kalt geworden in Deutschland. Wie aufmerksam von der Kabarettistengruppe »Fettnäppchen«, dem Führer der Bolschewiki eine - rote - Socke zu stricken! Was gewiss nicht nur aus Mitleid mit dem russischen Revolutionär und Theoretiker geschah, der Kälte eh gewohnt war, sondern wohl auch aus Trotz wider dessen Vergessen und Verleugnen hierzulande. Nicht nur Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der v...

Gunnar Decker

Die Toten sind nicht einfach tot

Statt von Familien sprach man bei den Gysis von »Häusern«. Ein Hauch von Aristokratie wehte. Zum Hause Gysi zählte aber - gut proletarisch - auch »Schätzi«, das Kindermädchen, das dem Geschwisterpaar Gabriele und Gregor die häufig beruflich abwesenden Eltern ersetzte. Über die Familien von Klaus Gysi zu reden, würde ohnehin unübersichtlich werden, denn diese gründete er leichthin und verließ sie d...

Seite 46
Eschatologie und revolutionärer Elan

Eschatologie und revolutionärer Elan

Niemandsland Nach den Ferien in Ostberlin fuhr ich in den Westteil der Stadt, ins Hendrik-Kraemer-Haus in der Lichterfelder Limonenstraße, wo die Niederländische Ökumenische Gemeinde ihren Sitz hatte. Ich stellte mich der Pastorin Bé Ruys vor. Sie stammte aus einer großbürgerlichen Familie, eine kleine, sehr lebendige Frau, fünfzig Jahre alt. Sie verfügte über gute Kontakte in Ost- und Westbe...

Seite 47

Namen und Gesichter, die uns mahnen

Adler, Bachner, Bauernfreund, Bebelski, Bergmann, Eisenbac, Gelbwachs,Glaser, Goldberg, Krakauer, Kupfermann, Landmann, Lemberger, Sauerteig, Spielmann, Sternberg, Stieglitz, Trembski, Weinstock, Wolf, Zeisler ... So viele Namen, so viele mörderisch beendete Leben, vereitelte Lebensträume. Die Topographie des Terrors in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur an die Täter, sondern auch a...

Gerd Fesser

»Mag Gott geben, dass Frieden heimkehre«

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist in Deutschland weitgehend vergessen, während man sich in Frankreich eher an ihn erinnert. Gleichwohl sind in diesem und im vorigen Jahr in Deutschland einige Bücher zu diesem Thema erschienen. Der vorliegende Band ist der umfangreichste. Sein ausführliches Quellenverzeichnis zeigt, dass der Publizist Hermann Pölking und die Filmdokumentatorin Linn Sac...

Seite 48
Töpfern im Indian Summer: Die Konstruktion einer Welt

Töpfern im Indian Summer: Die Konstruktion einer Welt

Präludium Der Herbst ist für mich die Herrlichste der vier Jahreszeiten. Natürlich schätze ich auch den Sommer, wenn ich im erfrischenden und belebenden Fluss baden kann und auch der Frühling überrascht mich immer wieder mit seiner vielfarbigen Blütenpracht und dem Erwachen allen Lebens. Aber es ist der Herbst, der meine Sinne am unbeschreiblichsten erregt, mich und meine Seele am mannigfaltig...

Seite 49

Die Helden von Troja - Menschen wie wir

Sie könnten unter uns leben, lieben, leiden. Sie könnten unsere Zeitgenossen sein: die schöne Helena, der sich nach ihr verzehrende Paris, der mutige Achilles, der kluge Odysseus, der weise Priamos und all die anderen Helden und einfachen Menschen, die vor rund 3000 Jahren in den Strudel der Geschichte gerieten. Eine unvergessene und unvergessliche Geschichte, die von einem Krieg um die sagenhafte...

Armin Jähne

Polybios sprach von Sympoklē

Ständig wird von Globalisierung geredet. Was aber meint dieser Begriff eigentlich? Das lateinische »globus« bezeichnet einen kugelrunden Körper, einen kugelförmigen Klumpen oder Ballen, einen dichten Haufen oder eine zusammengedrängte menschliche Masse. Bis zu heutigen Schlag- und Kampfworten wie »Global Marketing« oder »Globalstrategien« war es ein weiter Weg: wissenschaftlich, politisch, ökonomi...

Herbert Grießig

War’s das dann oder gibt’s noch was?

Marx, Engels, Lenin, Mao Tse-tung programmatisierten sie: eine sozialistische Menschenordnung. Und Michael Geiger, der in der DDR geboren ist, in Leipzig und Berlin studiert und dort als Professor für Internationales Management gelehrt hat, fasst dieses heiße Eisen an, an das sich nach dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« in Europa nur wenige noch heranwagten. Auf den ersten Blick sc...

Seite 50

Einblicke in den Alltag einer Diktatur

»Unser Bildgedächtnis ist nie statisch, sondern dynamisch, chaotisch und assoziativ. Das gilt auch für unsere Erinnerung an die NS-Zeit. Vergangenheit bildet sich in ihr nie logisch und spiegelbildlich ab. Einige Bilder überdauern die Zeitläufe, wobei sich ihre Deutung und Bedeutung verändern kann. Andere Bilder werden vergessen und verschwinden wieder aus unserem Gedächtnis«, bemerkt Gerhard Paul...

Franziska Klein

Stätten der Toleranz und des wahren Menschentums

Man erinnere sich des heftigen Disputs vor Jahren um das Kruzifix in deutschen Schulen, an die Kopftuchdebatte, die Schülerinnen wie auch Lehrerinnen betraf, sowie die Abwägung von Religionsunterricht und einem Fach in Ethik. Die Bundesrepublik, obwohl längst ein Einwanderungsland und multikulturell, hinkt gesellschaftlich mindestens 100 Jahre der Aufklärung hinterher. Peinlich. Nachdem die Große ...

Michael Brie

Endlich wieder Engels lesen!

Will man Friedrich Engels verstehen, sollte man zuerst sein Gedicht »Abend« lesen, dass er mit 20 Jahren schrieb, auf die Dämmerung der düsteren Phase der Restauration blickend. Er hoffte auf ein Morgenrot: »Ja, einer bin ich von den kecken Vögeln, / Die in dem Äthermeer der Freiheit segeln …« Seine Wendung zum Sozialismus und Kommunismus war durch die Erwartung begründet, dass die Menschheit durc...