/ Politik

Die Arbeiterklasse wächst und bewegt sich

Der Historiker Marcel van der Linden über riesige Streiks, schwache Gewerkschaften und prekäre Normalarbeit

Herr van der Linden, gibt es eine globale Arbeiterklasse?
Ja natürlich, warum zweifeln Sie daran?

In Deutschland wird der Begriff nicht gerne verwendet. Die meisten Menschen definieren sich als soziale Mitte. Warum ist es denn gerechtfertigt, trotzdem von der Arbeiterklasse zu sprechen?
Ich würde sagen, ein Arbeiter beziehungsweise eine Arbeiterin ist jemand, dessen Arbeitskraft zur Ware gemacht wird. In diesem Sinne gibt es eigentlich immer mehr Menschen, die zu dieser breiten Arbeiterklasse gehören. Schätzungen zufolge sind es 3,1 Milliarden. Diese Gruppe ist aber sehr heterogen.

Wer gehört denn dazu?
Dazu gehören meiner Auffassung nach auch all jene Menschen, die durch ihre Hausarbeit und Subsistenzarbeit das Funktionieren der warenförmigen Arbeit ermöglichen. Also auch Hausfrauen oder Menschen, die zum Teil selbstversorgende Landwirtschaft betreiben. Innerhalb dieser heterogenen Klasse gibt es riesige Unterschiede. Einmal sind da die Einkommensunterschiede: Das Bruttosozialprodukt pro Kopf im Kongo liegt bei 800 Dollar pro Jahr, in Deutschland liegt es bei 48.000 Dollar. Hinzu kommen Unterschiede zwischen hoch- und niedrig qualifizierten Arbeitern, prekär und nichtprekär Beschäftigten, Arbeitern in der Landwirtschaft, der Industrie oder im Dienstleistungssektor. Und es gibt Arbeiter, die Arbeiter unterdrücken.

Was meinen Sie?
Gefängniswärter zum Beispiel. Da gibt es aktuell wieder aufgeregte Debatten, ob man diese zur Arbeiterschaft hinzurechnen soll. Ich sage ja, denn auch das ist ja warenförmige Arbeit. Auch die Polizei gehört dazu. Viel wichtiger ist aber noch: In den reichen Ländern profitieren Arbeiter auch mit von der Ausbeutung im Süden. Eine Jeans zum Beispiel besteht aus mindestens sechs Teilen. Die Baumwolle für Beine und Taschen kommt aus Pakistan und Benin, die Farbe wurde in einer Fabrik in Frankfurt hinzugefügt, das Zink für den Reißverschluss kommt aus einem australischen Bergwerk und die Fäden aus einer chemischen Fabrik in Japan. Zusammengenäht wurde die Hose in Tunesien und dann in Amsterdam in einem Geschäft verkauft. Unsere Konsumgüter sind das Endresultat einer langen Kette von Arbeitsprozessen, die über die ganze Welt verteilt sind. Beim Auto ist das noch viel stärker ausgeprägter als bei der Jeans. Und dabei profitieren Arbeiter im Norden als Konsumenten davon, dass viele der Bestandteile in Niedriglohnländern produziert wurden.

Zu den transnationalen Produktionsketten kommen wir noch, aber vorerst zurück zum Klassenbegriff. Viele Menschen denken ja immer noch an den klassischen Industriearbeiter, wenn von Arbeitern die Rede ist. Aber in Deutschland gibt es seit Jahrzehnten einen Prozess der Verlagerung der lohnabhängig Beschäftigten in den Dienstleistungssektor. Ist das global auch so?
Jein. Die Industriearbeiterschaft wächst global noch, aber eben in anderen Teilen der Welt. Schiffbau zum Beispiel: In den 50er Jahren war Großbritannien die größte Schiffbaunation der Welt, wurde dann von Japan überholt und heute befindet sich 90 Prozent des Schiffbaus in Ostasien, in Korea, Japan und China. Gleichzeitig wächst der Dienstleistungssektor aber nicht nur bei uns, sondern auch in diesen Teilen der Welt, ebenso der Finanzsektor.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass in Europa Prekarität seit Jahren zunimmt. Ist das ein Trend, der auch im globalen Süden und China zu beobachten ist oder gibt es hier andere Tendenzen, zum Beispiel steigende Löhne und eine Zunahme von Tarifverträgen?
Das Normalarbeitsverhältnis, wie wir es einige Jahrzehnte gekannt haben, war eine temporäre Erscheinung für einen kleinen Teil der Welt. Das hat es 50 Jahre für 20 Prozent der Weltbevölkerung gegeben, jetzt wird es abgebaut. Damit kehrt der Zustand zurück, der vorher herrschte. Die Norm im Weltkapitalismus ist die Prekarität. Die meisten Menschen in der Welt haben immer, wenn sie Lohnarbeit verrichtet haben, unter prekären Verhältnissen gearbeitet und tun es auch jetzt noch. Feste Arbeitsverträge gibt es zum Beispiel in Indien nur bei 3 bis 4 Prozent der Arbeiterschaft. Was wir Normalarbeitsverhältnis nennen, ist eigentlich atypisch. Und was wir atypische Beschäftigung nennen, ist die Normalarbeit.

In den deutschen Feuilletons und der Linken findet seit einiger Zeit eine Debatte darüber statt, ob man wieder von Klassen reden müsse, um den Rechtspopulismus zu stoppen, angestoßen durch Didier Eribons Buch »Rückkehr nach Reims«. Macht es Sinn, jetzt über eine Wiederaneignung des Klassenbegriffs zu reden oder geht das am eigentlichen Thema vorbei?
Ich habe das Buch nicht gelesen, aber davon gehört (lacht). Ich glaube, dass es wichtig ist, einen Klassenbegriff zu entwickeln, wenn wir ihn nicht schon hatten. Das kann helfen, etwas vom Rechtspopulismus zu verstehen. Dass wir uns so schwertun mit dem Begriff hat auch etwas damit zu tun, dass die Arbeiterbewegung geschwächt ist - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Und durch diese Schwächung entstehen größere Spielräume für Verführungsstrategien der extremen Rechten. In meinem eigenen Land sieht man das: Viele Anhänger von Geert Wilders waren früher Sozialdemokraten oder Kommunisten, dasselbe gilt in Frankreich. Wenn wir dem etwas entgegensetzen wollen, sollten wir auch wieder einen praktischen Klassenbegriff einführen, ja.

Was meinen Sie denn, wenn Sie von der »Schwächung der Arbeiterbewegung« sprechen?
Global und historisch betrachtet ist die Arbeiterbewegung in einer tiefen Krise. Sie wird ja klassisch über drei Grundformen definiert: Konsumgenossenschaften, Gewerkschaften und Arbeiterparteien. Die Konsumgenossenschaften sind in großen Teilen der Welt verschwunden oder kommerzialisiert. Die Gewerkschaften sind in fast allen Ländern der Welt im Niedergang. Nur in einigen skandinavischen Ländern und Belgien ist es anders, aber das liegt daran, dass dort Arbeitslosenunterstützung und dergleichen über die Gewerkschaften gezahlt wird. Aber in den meisten anderen Ländern sinkt der Organisationsgrad kontinuierlich. Der Internationale Gewerkschaftsbund hat 2014 erklärt, dass nur 7 Prozent der Weltarbeiterschaft organisiert ist. In China würde ich sagen, liegt der Organisationsgrad bei null, weil es dort keine freien Gewerkschaften gibt. In Indien liegt er bei 1 bis 2 Prozent.

Und die dritte Säule, die Parteien?
Die meisten Kommunistischen Parteien haben sich aufgelöst, sind fusioniert, bankrott gegangen oder haben neoliberale Politik betrieben, was zu Wahlverlusten geführt hat. Dasselbe gilt für die Sozialdemokratie. Hier sind die Stimm- und Mitgliederverluste nicht so dramatisch wie bei den Kommunistischen Parteien, aber der Trend ist ähnlich. Sozialdemokratische Parteien - und das ist kein spezifisch deutsches oder niederländisches Phänomen - wissen nicht mehr, wer sie sind. Zum Teil sind sie verführt worden vom Neoliberalismus. Ihre früher ausgeprägte Subkultur - Sportvereine, Naturfreunde, Frauengruppen - ist verschwunden. Und der soziale Keynesianismus, den sie früher propagiert haben, ist unter den heutigen Bedingungen schwer umzusetzen, weil dieser kaum noch auf nationalstaatlicher Ebene reguliert werden kann.

Also alles in allem Niedergang. Aber lohnabhängig Beschäftigte sind doch in Bewegung, oder?
Ja, sie sind sehr stark in Bewegung. Das ist ja das Paradoxe! Die klassische Arbeiterbewegung ist im Niedergang begriffen, gleichzeitig sind sehr viele Arbeiter in Bewegung.

Wie äußert sich das?
In riesigen Streiks und Protestbewegungen. In Indien fanden in jüngerer Zeit die größten Arbeitsniederlegungen der Menschheitsgeschichte statt, 150 Millionen Menschen waren daran beteiligt. In Jakarta in Indonesien hat es große Streiks gegeben. In China steigt die Zahl der »Massenvorfälle« seit Jahren. Dazu gehören alle Arten von »Vorfällen« und eben auch Streiks. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften veröffentlichte jährlich diese Zahl, sie stieg sprunghaft an, 2007 wurden 80 000 »Vorfälle« gezählt. Seitdem werden die Zahlen nicht mehr veröffentlicht. Ich denke, wir dürfen daraus schließen, dass sie weiter stark gestiegen sind. Auch in Argentinien, Südafrika oder in Südeuropa gab es Massenbewegungen mit Beteiligung der Arbeiterschaft. Protestbewegungen sind weltweit im Aufwind. Diese Proteste verflüchtigen sich aber auch schnell wieder, weil es keine organisatorischen permanenten Formen mehr dafür gibt.

Sie sagen, die Gewerkschaften sind unterm Strich nicht gut aufgestellt. Gibt es dennoch Bereiche, in denen sie entlang der transnationalen Produktionsketten effektiv organisiert sind oder herrscht hier Standortkonkurrenz?
Standortkonkurrenz würde ich es nicht nennen, aber viel Zusammenarbeit gibt es eben auch nicht. Das hat auch damit zu tun, dass die Arbeitsbedingungen so unterschiedlich sind. Schon seit den 60er Jahren gab es Versuche, zum Beispiel Weltkonzernräte aufzubauen, bei Nestlé oder in der Autoindustrie. Dann hat sich gezeigt, dass das sehr kompliziert ist. Es sind Fragen aufgetaucht wie zum Beispiel: Können wir dieselben Lohnforderungen stellen, wie gehen wir mit den unterschiedlichen Arbeitsschutzbedingungen um? Die Bilanz war: Es ist kaum möglich, eine homogene Strategie für eine heterogene Arbeiterschaft zu entwickeln. Das Problem stellt sich noch stärker, wenn verschiedene Sektoren und Branchen involviert sind. Nehmen wir wieder das Beispiel der Jeansproduktion. Da gibt es Kleinbauern, Plantagenarbeiter, Bergarbeiter und so weiter. Hinzu kommt, dass es gegensätzliche Interessen geben kann. Die Frauen in Tunesien, die die Jeans zusammennähen, haben - wie auch die Konsumenten - ein kurzfristiges, materielles Interesse daran, dass die Bauern in Benin oder Pakistan und die Zinkarbeiter in Australien niedrige Löhne bekommen.

Weshalb?
Weil dann die Profitrate für die Jeansfabrik in Tunesien höher ist. Damit steigt die Stellensicherheit für die Arbeiterinnen und somit auch ihre Möglichkeit, Lohnerhöhungen zu fordern. Das sind kurzfristige, materielle gegensätzliche Interessen, die nicht so leicht zu überbrücken sind. Es sei denn, man kann eine Gewerkschaftspolitik entwickeln, die Arbeiterinnen und Arbeiter mit einer eher langfristigen Perspektive mobilisiert.

Das heißt, die Gewerkschaften könnten dieses Problem lösen, indem sie politischer werden?
Genau. Das wäre die einzige Lösung, denke ich.

Gibt es denn jenseits des Niedergangs der Arbeiterbewegung auch Ansätze für neue Formen der Organisierung?
Ja durchaus, es entstehen vorsichtig neue Formen. Neue, kleine Konsumgenossenschaften; neue Gewerkschaften, die sich stärker auf den informellen Sektor oder Prekarisierte ausrichten, wie die FAU in Berlin oder die IWW in den US-Gefängnissen. Hier und da gibt es auch Trends innerhalb der etablierten Gewerkschaften, sich zu modernisieren und für neue Organisationsformen zu öffnen. In Südamerika gibt es Gewerkschaften, die inzwischen auch Hausfrauen organisieren. Das sind Ansätze, die man meiner Meinung nach ausbauen sollte.

Zum Abschluss: Was sind die Zukunftsthemen der Arbeit?
Arbeitslosigkeit, denn die Arbeitsproduktivität nimmt zu, parallel dazu wachsen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Zweitens die Robotisierung. Es wird mehr Menschen geben, die Roboter bauen und erhalten. Stärker aber ist der andere Trend, die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch den Einsatz von Robotern. Man könnte Roboter auch arbeiterfreundlich einsetzen, das wäre durchaus positiv, bisher ist das aber nicht der Fall. Und das dritte große Zukunftsthema der Arbeit ist der Umgang mit Umwelt und Ressourcen.

Zur Person

Marcel van der Linden (Jahrgang 1952) ist Professor für die Geschichte der sozialen Bewegungen an der Universität Amsterdam. Er gilt als Vordenker der Global Labor History, ist Forscher am Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam und Träger des Bochumer Historikerpreises. Zuletzt von ihm erschienen ist im Campus-Verlag »Workers of the World - Eine Globalgeschichte der Arbeit«. Mit ihm sprach Nelli Tügel.

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