Denn ich sah eine neue Erde (2 DVDs)

Wolf Kaiser in
Denn ich sah eine neue Erde
Thomas Müntzer - Theologe, Reformator, Revolutionär

Porträt des Theologen Thomas Müntzer, der sich zur Zeit des Bauernkrieges 1525 vom Anhänger und Bewunderer Luthers zu seinem Gegenspieler und vom Reformator zum Revolutionär wandelt. Als Anführer des Bauernaufstands wird er in der Schlacht bei Frankenhausen nach der vernichtenden Niederlage gefangen genommen und hingerichtet.

Wolf Kaiser drückte dieser Rolle seinen unverkennbaren Stempel auf. Die Zuschauer in der DDR liebten und bejubelten ihn. Berühmt wurde er vor allem durch seine Darstellung des Mackie Messer in der Dreigroschenoper am Berliner Ensemble. Noch bis 1990 gehörte Wolf Kaiser dem Schauspieler-Ensemble beim Fernsehen der DDR an. Sein tragischer Freitod 1992 hat viele Kollegen, Freunde und Zuschauer tief erschüttert.

Produktionsland/-jahr: DDR 1970
Regie: Wolf-Dieter Panse
Darsteller: Wolf Kaiser, Wolfgang Dehler, Norbert Christian, Eberhard Esche, Herbert Köfer, Cox Habbema, Gerhard Bienert, Manfred Müller u.v.a.

4-teilige Fernsehserie des DFF
Laufzeit: ca. 255 Min. (2 Disc in der Sofbox)
Art.-Nr.: 37108



Neues Deutschland 02.09.1970
"Denn ich sah eine neue Erde"
Zu einem zweiteiligen Fernsehspiel um Thomas Müntzer von Hans Pfeiffer

"..was auch war. Es war groß. Die Macht des Volkes und die Angst seiner Herren. Denn wir sehn eine neue Erde " Mit der erhabenen Vision einer menschlichen Welt ohne Herren und Knechte, ohne Willkür und Unterwerfung schloß das zweiteilige Fernsehspiel um die Gestalt des genialen Volksreformators und Führers im Großen Deutschen Bauernkrieg, Thomas Müntzer. Hans Pfeiffer, der Autor dieses fernsehdramatischen Werkes, das dem 25. Jahrestag der demokratischen Bodenreform gewidmet war, hat keine Biographie und keine historische Chronik beabsichtigt. Sichtbar werden sollte aus dem Wissen und den Erfahrungen unserer Zeit heraus ein Kapitel revolutionärer deutscher Geschichte, von dem es im Manifest des VII. Parteitages heißt. "Die Wurzeln unserer Bewegung reichen in die Kämpfe der städtischen Armut des deutschen Mittelalters, in die gewaltige Revolution zu Beginn der europäischen Neuzeit, den Großen Deutschen Bauernkrieg/'
"Denn ich sah eine neue Erde" setzt die Bemühungen um die marxistische Deutung der Persönlichkeit Müntzers fort, für die Friedrich Wolf mit seinem 1953 geschriebenen Drama "Thomas Müntzer, der Mann mit der Regenbogenfahne" und mit dem Szenarium zu einem DEFA-Film bereits Maßstäbe gesetzt hatte. Wolf gestaltete im wesentlichen die letzte Lebensetappe Müntzers, in der dieser an die Spitze der bäuerlichen Erhebung in Thüringen trat. Das neue Fernsehspiel zeichnet einen größeren Lebensabschnitt nach, es behandelt jene Lebensjahre, in denen der aufgeklärte Theologe und Anhänger der bürgerlichen Reformation an der Seite des Volkes zum plebejischen Revolutionär reifte. Die Persönlichkeit des Helden erschloß sich uns so vor allem in den geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Wir erlebten Müntzer als den großen Ideologen der frühbürgerlichen Revolution, der mit seinen Ideen nicht nur seine feudale Gegenwart, sondern auch die kapitalistische Zukunft weit überragte. Nun wäre freilich die filmische Biographie des Helden Thomas Müntzer oder die optische Aufbereitung des imposanten Kriegspanoramas dramatisch bedeutend leichter zu realisieren' gewesen als die diffizile Zeichnung der komplizierten politischen Landschaft des untergehenden Feudalismus. Hans Pfeiffer verstand es aber gerade in dieser konfliktgeladenen Umbruchsituation erregende geistige Spannungsfelder zu erschließen. In der widerspruchsvollen Partnerschaft zweier so gegensätzlicher Charaktere wie Luther und Müntzer wurde der dialektische Zusammenhang zwischen Reformation und Bauernkrieg anschaulich vorgeführt. Und in der ständigen schmerzhaften Konfrontation Müntzers mit dem großen "Gegensatz zwischen bürgerlicher und bäuerlich-plebejischer Opposition, an dem der Bauernkrieg zugrunde ging" (Engels) gewann der Charakter des Helden aYi Größe und Plastizität.
Nicht die Tragik des Mannes, der mit seinem kompromißlosen Kampf für ein "Reich Gottes auf Erden'' und seinem frühkommunistischen Gedankengebäude zwangsläufig scheitern mußte an den engen Gesellschaftsschranken seiner Epoche, bestimmte dabei Stil und Erzählweise des Fernsehspiels. "Du hast zuviel vom Menschen verlangt", wird Müntzer in seiner letzten Stunde vorgehalten. ... und würde es immer und immer wieder fordern — bis es erfüllt ist", erwidert er in dieser allegorisch-visionären Schlußszene, in der sein tragischer Untergang historisch folgerichtig als Verheißung auf einen künftigen Sieg der Idee von einer neuen Menschengemeinschaft gestaltet wird.
Die Regisseure Wolf-Dieter Panse und Peter Deutsch, als Koregisseure der Wallenstein-Fernsehbearbeitung bereits am historischen Stoff erprobt, stellen ihre Inszenierung ganz auf das Wort, auf den erregenden Widerstreit der Gedanken und Ideen in einem Dialog, der sich durch seine holzschnittartige Poesie und alttestamentarische Bildkraft tief einprägte. Das verlangte auch eine verknappte, zuweilen fast formelhaft verkürzte Bildsprache.
Da wurde das historische Geschehen nicht episch-erzählend ausgebreitet, sondern in symbolträchtigen Einstellungen und sorgfältig gegliederten Szenen gedeutet, da erzählte die Kamera Harri Münzhardts und Horst Klewes nicht, sie kommentierte, sie bewies, sie nahm auf ihre Weise teil an den großen Auseinandersetzungen, wobei sie den heiklen Grenzbereich zwischen Realität und Allegorie immer wieder mit bemerkenswerter Sicherheit ausschritt. In der stilisierten Darstellung der Schlacht vor Frankenhausen beispielsweise beherrschte nicht das Kampfgetümmel die Szene Naturalistische Zutaten und dramatische Schnörkel hätten wahrscheinlich die Absicht zerstört, diese Erhebung als entscheidende Klassenschlacht zu charakterisieren. Die Niederlage der Bauern wurde bewußt relativiert durch die harte Aufeinanderfolge symbolischer Details Eine Bibel am Wege wird vom Wind umgeblättert, ein Kreuz zerbricht, das Rad eines umgestürzten Karrens dreht sich langsam weiter In der Niederlage kündigt sich hier bereit? die Unbesiegbarkeit jener Ideen von der neuen Erde an. für die der Bauer im Gras verblutet.
Beeindruckend auch, wie Milieu und Zeitkolorit der Grundidee des Stücks zugeordnet wurden. Da gab es Bilder von den geschundenen und geknechteten Bauern, durch die man an die christliche Passion erinnert wurde. An eine Passion indessen. wie sie sich in der revolutionären Bibelinterpretation Müntzers widerspiegelt nicht als mvstische Verklärung des Leidens, sondern als zornige Parteinahme für die Leidenden.
Wolf Kaiser verkörperte den Thomas Müntzer' Mit sparsamen gestischen Mitteln, mit reichem mimischen und sprachlichen Ausdrucksvermögen wurde hier das Bild eines Riesen an Denkkraft entworfen — groß und lauter selbst dort, wo er in religiös-idealistischer Schwärmerei befangen ist. An seiner Seite zeichnete Cox Habbema als Müntzers Frau Ottilie mit schöner Schlichtheit den Charakter einer Frau, die sich aus klerikaler Unterwerfung erhebt. Wolfgang Dehler bot als Martin Luther das widersprüchliche Charakterbild des bürgerlichen Reformators und großen Denkers, der sich in tragischer Verstrickung befindet mit den eigennützigen Interessen seiner Klasse und zutiefst erschrickt vor der Konsequenz seiner eigenen Gedanken. Eine Reihe namhafter Darsteller sorgte in ausgeprägten Charakterstudien für die exakte historische Darstellung der verschiedenen Kräftegruppierungen Friedrich Richter Marianne Wünscher. Norbert Christian. Eberhard Esche und Gerry Wolff repräsentierten das reaktionär«» Lager des Klerus und der Fürsten. Herbert Köfer war ein typischer Vertreter der inkonsequenten frühbürgerlichen Reformation und Manfred Müller Jochen Thomas, Gerhard Bienert, Christoph Engel. Helmut Müüer-Lankow, Werner Tietze und Gerhard Lau beeindruckten als plebejische Mitstreiter Müntzers.
Peter Berge
Tagesausgabe vom 02.09.1970, Seite 5

Preis: 19.99 Euro

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