Leben, um zu überleben

Gäbe es nicht Enthusiasten, würden manche Texte nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Die serbische Jüdin Reli Alfandari Pardo hatte ihre Erinnerungen auf Französisch verfasst, eine Übersetzung ins Englische erschien im Internet, die Übersetzung ins Hebräische finanzierte die Autorin selbst, Schüler der Deutschen Schule in Belgrad übersetzten für ein Schulprojekt ins Deutsche. Diese war die Grundlage für die Ausgabe in dem kleinen Arco Verlag.

Was für ein Buch, das den Vergleich mit Anne Franks Tagebuch nicht zu scheuen braucht! Nur, dass die Autorin den Holocaust überlebt hat. Die Geschichte beginnt 1939. Relis Vater ist ein angesehener und erfolgreicher Geschäftsmann, Reserveoffizier der königlich-jugoslawischen Armee, der oft nach Berlin reist. Was er dort erfährt, ist beunruhigend, aber weit weg. Seinen Kindern will er humanistische Werte vermitteln, als Reli in der Schule mit ihrem schicken neuen Mantel angibt, zwingt er sie, ihn an eine arme Klassenkameradin abzugeben. Dass sie anders sein soll als andere Kinder, erfährt sie nur aus Randbemerkungen: »Mit Juden spielt man nicht«. Was ist ein Jude, ihre Familie ist nicht religiös. Das gibt sich bestimmt wieder. Es wird keinen Krieg geben, das Königreich unterzeichnet einen Pakt mit Hitler. Doch dann gehen die Menschen dagegen auf die Straße, die deutsche Botschaft wird in Brand gesetzt. Der Pakt ist eine Schande! Kaum eine Woche später legen deutsche Bomber Belgrad in Schutt und Asche. Relis Vater legt die Uniform an; wer kann, flieht aus der Stadt. Auch Relis Familie samt ihrem loyalen und klugen Angestellten Martin, einem »Schwaben«. Es ist 1941, die Straßen sind voller Leichen, die Familie kommt bei Großvater Ilja auf dem Dorf unter. Ilja kann keine Juden leiden, aber er hilft. Dann rücken deutsche Truppen vor, der Widerstand der jugoslawischen Armee ist nach zwei Wochen gebrochen. Der Unterschlupf bei Großvater Ilja ist nur von kurzer Dauer, zu groß ist die Gefahr, Iljas Frau schimpft auf die »Itzigs«, aber Ilja braucht das Geld, das die Flüchtlinge zahlen. Dann sind die Deutschen im Dorf, suchen nach Juden. Und Martin, der kluge Martin, der gemeinsam mit dem Vater auf Hitler geschimpft hat, trägt plötzlich eine schwarze Uniform. Persönlich hat er nichts gegen die Familie, nur ist er Volksdeutscher und folgt Befehlen. Und dann überbringt er mit gesenktem Kopf die Nachricht, dass sich die Juden zum Transport einzufinden hätten. Noch weiß keiner, wohin der Transport hinführt, Reli aber kommt bei Verwandten unter, verbirgt ihr Jüdischsein, wandert von Versteck zu Versteck, unter falschem Namen kommt sie bei einer serbischen Frau unter, die dafür bezahlt wird, sie als Verwandte auszugeben. Und immer ist da die Hoffnung, dass der Spuk nur noch ein paar Monate währt, dass der Vater nur beim Arbeitsdienst schuftet. Der Kriegsverlauf ließ hoffen, Radio London bringt die Nachrichten von den Niederlagen der Nazis. 1944 ist Belgrad befreit, doch versprengte deutsche Truppen, serbische und kroatische Faschisten treiben noch ihr Unwesen. Und die Propaganda von den russischen »Untermenschen«, den Befreiern, tat das Ihrige. Reli kommt aus ihrem Versteck, und alle wundern sich. Sämtliche Juden wurden doch aus Belgrad deportiert. Ihre gesamte Familie starb im KZ. mps

Preis: 24.00 Euro

  • Autor/in: Pardo, Reli Alfandari
  • Verlag: Arco Verlag
  • Format: gebunden 288 Seiten
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