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Marx' Asienbild

(English below)

Marx hat keine in sich geschlossene Darstellung seiner Ansichten über China und Ostasien hinterlassen. Ungeachtet dessen hat aber das Marxsche Konzept von der „asiatischen Produktionsweise“ vielen wissenschaftlichen und politischen Debatten über die chinesisch-konfuzianische Gesellschaft als Ausgangspunkt gedient. Marx begann im Hinblick auf die Weltrevolution über die Beziehung zwischen Ost und West nachzudenken. Die tiefe Krise der chinesischen Gesellschaft, von der er zum ersten Mal durch den deutschen Missionar Karl Gützlaff erfahren hatte, und den Taiping-Aufstand interpretierte er aus dieser Perspektive. Er brachte die gesellschaftlich-politische Entwicklung Chinas unmittelbar mit dem Eingreifen des Westens in Verbindung und glaubte, dass das Eindringen des englischen Kapitalismus ungeachtet seiner negativen Seiten progressive Wirkung auf die chinesische Gesellschaft ausüben würde. Seine anfängliche Hoffnung auf eine baldige Revolution in China erwies sich zwar als Fehleinschätzung, dennoch war er grundsätzlich überzeugt von den progressiven Wirkungen, die ein sich ausbreitender Kapitalismus auf eine rückständige und „stationäre“ Gesellschaft wie die chinesische haben würde. Dies wäre eben Chinas „Schicksal“. Marx und seine Nachfolger haben allerdings die unbändige Kraft rebellierender Bauernmassen, die das Land periodisch (im Schnitt alle 200 Jahre) erschütterten und oft zum totalen Zusammenbruch der bestehenden Besitz- bzw. Herrschaftsverhältnisse führten, nicht einmal geahnt.  Dennoch wäre es unangebracht, die „asiatische Produktionsweise“ von Marx, auch wenn er meinte, sie sei kategorisch auch für China gültig, anhand der empirischen Analyse der konfuzianisch-chinesischen Gesellschaft zu kritisieren, denn er hatte diese Theorie im Rahmen seiner detaillierten Untersuchung der indischen Gesellschaft entwickelt.

Referentin: Prof. Eun-Jeung Lee (Professorin am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der FU Berlin)

Moderation: Dr. des. Birgit Ziener



Karl Marx - His image of China and East Asia

Marx did not leave a coherent presentation of his views on China and East Asia. Nonetheless, Marx's concept of the "Asian mode of production" has served as the starting point for many scholarly and political debates about Sino-Confucian society. Marx began to reflect on the relationship between East and West in the context of a possible worldwide revolution. From this revolutionary perspective he interpreted the deep crisis of Chinese society, which he first learned about from the German missionary Karl Gützlaff, and the Taiping rebellion. Marx directly linked China's social and political development to Western intervention, believing that the advance of English capitalism, despite its negative aspects, would have a progressive effect on Chinese society. While his initial hopes for an imminent revolution in China turned out to be miscalculated, he was fundamentally convinced of the progressive effects that the expansion of capitalism would have on a backward and "stationary" society like the Chinese. That would be simply China's "destiny". Marx and his successors, however, did not even suspect the unruly power of rebellious peasant masses, which shook the country periodically (on average every 200 years) and often led to the total collapse of existing ownership or power relations. Yet it would be inappropriate to criticize Marx's "Asiatic mode of production", if we base it on the empirical analysis of Confucian-Chinese society, because Marx himself develop this theory not based on such an analysis. He based his theory on detailed studies of the Indian society, but considered it categorically valid also for China.

Eun-Jeung Lee is professor of History and Cultural Studies at the FU Berlin.

Moderation: Dr. des. Birgit Ziener

(in German with simultaneous translation into English)

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27. Oktober 2019, 11:00 bis 12:30 Uhr
Rosa-Luxemburg-Stiftung
Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
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